Ein einziges Dinner in einem Nobelrestaurant in Detroit genügte, um das Ergebnis der sechs Monate langen Verhandlungen vom Tisch zu fegen. Bei leckerer Kost und teurem Wein setzte ein gewisser David Bonderman seinen Kollegen im Verwaltungsrat von General Motors einen Floh ins Ohr: Der Plan der GM-Manager, die europäische Tochter Opel loszuwerden, sei falsch und Opel wegen seiner Erfahrung beim Bau von Klein- und Mittelklassewagen sehr wertvoll für den Konzern. Außerdem böten die Kaufinteressenten Magna und die russische Sberbank zu wenig Geld. Das war am Abend des 2. November.

Am nächsten Tag düpierte der Beschluss des GM-Gremiums, Opel zu behalten, nicht nur die Kanzlerin. Selbst GM-Chef Fritz Henderson sei noch am Morgen der Sitzung von einem Verkauf ausgegangen, bestätigen Personen aus dem Konzernumfeld. Der altgediente Henderson ist faktisch nur Interimschef, auch wenn er bei seiner Beförderung im Sommer darum bat, offiziell nicht so genannt zu werden. Er soll sich nach seinem Vortrag zum Opel-Verkauf der Stimme enthalten haben – Selbstbewusstsein sieht anders aus. "Der Chefposten wird wackelig", sagt Joseph Philipi, der in Detroit gut vernetzte Chef von AutoTrends Consulting.

Vielleicht haben die Nachfragen der neuen Kontrolleure den GM-Chef eingeschüchtert. Allen voran: David Bonderman. Der Mann hat ein Talent dafür, es sich mit deutschen Politikern zu verscherzen. Franz Müntefering erfand vor vier Jahren extra eine neue Berufsbezeichnung für Leute wie ihn: Heuschrecke. Bonderman steht hinter der Private-Equity-Firma TPG, die damals den sauerländischen Armaturenhersteller Grohe mit rüden Methoden auf Profit trimmte. Dafür gab es Prügel von der Politik. Bonderman ärgere sich noch heute über die Schmähungen aus Deutschland, ist zu hören.

In den USA gilt Bonderman dagegen als Star mit einem Talent für die Rettung kriselnder Konzerne. So nahm er die Fluggesellschaften Continental und US Airways unter seine Fittiche. Zur Legendenbildung trug allerdings auch seine Fete zum 60. Geburtstag bei: Die Rolling Stones traten für eine Riesengage auf. Nun rockt Bonderman General Motors, dank Barack Obama. "Die Deutschen haben allen Grund, sich beim Präsidenten persönlich zu beschweren", sagt Daniel Ikenson vom regierungskritischen Cato-Institut. "Die Mär von der Nichteinmischung des Weißen Hauses bei GM wird durch die Wiederholung nicht wahrer."

Die Geschichte von Bondermans Berufung zum GM-Aufseher beginnt vor einem Jahr. Es war der erste Tag nach der historischen Wahl von Obama zum Präsidenten. Obama liest an diesem Morgen nicht nur Artikel über seinen Triumph. Die Zeitungen berichten auch groß über ein Horrorszenario des Center of Automotive Research in Michigan. Bis zu drei Millionen Jobs könnten verloren gehen, wenn die drei Autohersteller Chrysler, General Motors und Ford tatsächlich untergingen.

Sollen die Arbeiter am Fließband auf der Straße landen, während der Steuerzahler Abermilliarden in die Wall Street pumpt, fragen die Medien. Das wollen die Politiker nicht zulassen. Noch-Präsident George W. Bush überweist Megasummen nach Detroit, sein Nachfolger ebenso. Schließlich der Paukenschlag: Präsident Obama schickt GM am 1. Juni in die Blitzinsolvenz. Der Staat hat rund 50 Milliarden Dollar in den Autobauer gesteckt. Am Ende gehören ihm gut 60 Prozent von New GM.

Obama will aber nicht nur Schecks schreiben, sondern GM auf Vordermann bringen. Seit Jahren sinken die Marktanteile und steigen die Verluste des traditionsreichen Autobauers. Gegen die Konkurrenz aus Japan und Deutschland sieht die Modellpalette der Amerikaner veraltet aus: Die Autos sind zu groß, zu durstig. Der Präsident gründet eine Auto-Taskforce. Deren Chef wird Steven Rattner, ein Investmentbanker von der Wall Street, der im Wahlkampf fleißig Spenden für Obama sammelte. Er gilt als brillanter Analytiker. Mit der Autoindustrie hatte er bis dahin nie etwas zu tun.