Alles begann mit Amélie. Unsere französische Austauschschülerin, sechzehn Jahre alt und ziemlich verrückt auf das Berliner Nachtleben, ignorierte ihren Schnupfen und das Gliederreißen, schwenkte bei kritischen Fragen der Gasteltern nach ihrem Gesundheitszustand die kleinen Gastgeschwister voller Energie fröhlich in die Luft und küsste sie. Dann schnäuzte sie sich und ging tanzen.

Zwei Tage später lag der neunjährige Jakob auf dem Sofa. Eben war er noch Trampolin gehüpft, nun sah er schlapp, elend und fiebrig aus. Eine Post-Halloween-Erkältung, so lautete die naheliegende Erklärung, ärgerlich, aber ganz normal. Weil das Fieber auf 39 Grad stieg, ging es am nächsten Morgen doch zum Arzt – und da fiel zum erstem Mal das S-Wort. Wir waren nicht geimpft.

Ein kleiner Test, und plötzlich ist die Schweinegrippe in der Familie. "Das ist kein zuverlässiges Ergebnis, aber möglich", sagt der Kinderarzt und schlägt "zur Sicherheit" den Labortest vor. Der koste 130 Euro und werde nicht von allen Kassen bezahlt, aber wer sichergehen wolle…

Wer will da bei seinen Kindern nicht sichergehen? Wir testen Jakobs Schwester Franziska auch gleich mit. Die ist zwar bis auf einen leichten Husten quietschfidel, aber man kann ja nie wissen. Am nächsten Nachmittag dann die Gewissheit: Die Kinder haben Schweinegrippe.

Schweinegrippe? Jakob ist längst wieder auf den Beinen, seine Schwestern bester Dinge und wir? Ist da nicht doch dieses Kratzen im Hals, schmerzen nicht die Glieder? Muss man sofort den Arbeitgeber informieren, in Quarantäne?

Mitten in den Debatten ruft das Gesundheitsamt an. "Haben Sie die Schweinegrippe?", fragt eine freundliche Frau, das Labor habe sie informiert, schließlich sei die Krankheit meldepflichtig. Sie lässt sich den Gesundheitszustand der Familie erklären und sagt dann entspannt, dass bisher die meisten Fälle so glimpflich verliefen. Kein Wort von Quarantäne. Das hätte das Amt nur anfangs verfügt, als im Sommer die ersten Kranken nach Deutschland kamen. Sie bittet nur: Kurieren Sie sich aus. Nach einem fieberfreien Tag könnten dann die Kinder wieder in die Schule.

Und die Ansteckung? Und wir Erwachsene? Ist der Kopfschmerz nun schon ein Vorbote der Grippe oder nicht? "Wahrscheinlich ja, so schnell, wie sich das Virus verbreitet", sagt die Allgemeinmedizinerin, die ich schließlich zwecks eigener Befindlichkeit doch zurate ziehe. "Schon um die anderen nicht anzustecken, gehen Sie den Rest der Woche nicht arbeiten", befiehlt sie. Testen will sie nichts, das koste nur Geld. "Gute Besserung" wünscht sie zum Abschied und sagt lächelnd: "Bei mir mache ich den Test jetzt aber. Schon aus Neugier." Sie und ihre Tochter hätten unlängst auch eine "Erkältung" gehabt. Vielleicht sei das ja auch diese Grippe gewesen.

Die Seuche des Jahrzehnts, und nicht mal Ärzte merken was?

Von Stunde zu Stunde werden wir entspannter. Zwar fühlen wir Eltern uns in unseren "krankgeschriebenen" drei Tagen dann doch ziemlich matt, der Hals kratzt, der Kopf ist schwer – und die Nähe zum Bett ist angenehmer als die zum Schreibtisch. Aber wer schon den Fieberwahn vor Augen hatte, kann mit so einer Form der Seuche ziemlich gut leben. Manche Erkältung hat übler zugeschlagen. 

Anstrengend sind eigentlich nur die Kinder: Die wirbeln nämlich längst wieder durchs Haus. Die Schule hat gebeten, sie vorsorglich mindestens eine Woche daheim zu beschäftigen ("schon um die Panik bei anderen Schülern zu verhindern"); sogar Hausaufgaben werden uns per E-Mail zugesandt, was bei den Kindern zu Empörung führt ("wir sind doch krank") und uns im Lauf der Zeit zu Gegnern des Homeschooling werden lässt.

Abends rufen reihenweise besorgte Eltern der Mitschüler an. Entweder hatten deren Kinder schon eine "Erkältung" (und es hatte keiner auf Schweinegrippe getestet), oder sie bekommen nun Husten und Fieber, und mancher Arzt will gar nicht wissen, ob das vielleicht die Seuche sein könnte.

Wenn wir dann von unseren Erfahrungen erzählen, wollen es manche am Ende auch nicht mehr so genau wissen. Gibt man sich nämlich offen als "Schweinevergrippter" zu erkennen, schlägt einem eine Mischung aus Entsetzen (wenn die Zuhörer im gleichen Raum sind) und peinlich berührter Neugierde (am Telefon) entgegen. Wir verbringen den Rest der Woche daher schließlich doch in Fastquarantäne – und wünschen uns, dass jede Krankheit so angenehm wäre.

Das war "eine coole Woche", findet am Ende auch Amélie. Sie kennt jetzt viele deutsche Gesellschaftsspiele.

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