Montag, kurz nach 11 Uhr, im Verwaltungsgebäude des FC Bayern München, Säbener Straße. Uli Hoeneß hat eindecken lassen, Weißwürste, Wiener Würste, Senf, mittelscharf und nach Hausmacherart. Weißbier steht auch auf dem Tisch, doch alle bleiben bei Wasser. Es ist eins seiner letzten Interviews als Manager des FC Bayern, ein Amt, das er 30 Jahre lang ununterbrochen bekleidet hat. In drei Wochen zieht er sich auf den Posten des Vereinspräsidenten zurück. Hoeneß, 57 Jahre alt, hat an diesem Vormittag ein Telefonat mit Roman Grill hinter sich, dem Spielerberater jenes Philipp Lahm, der gerade den gesamten Verein aufgemischt hatte: In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hatte er den Vorstand und auch Hoeneß angegriffen und ihm unter anderem eine verfehlte Einkaufspolitik vorgeworfen. Der FC Bayern lasse es an einer Vereins- und Spielphilosophie fehlen. Nach knapp zwei Interview-Stunden erscheint eine Mitarbeiterin an der Tür, offenbar sucht ein Spieler die Aussprache: "Herr Hoeneß, der Philipp ist jetzt da."

DIE ZEIT: Herr Hoeneß, auch auf die Gefahr hin, Sie gleich mächtig zu ärgern: Philipp Lahm mag sich in der Form vergriffen haben, weil er sein Interview vertragswidrig am Verein vorbei gegeben hat, aber es gibt wohl niemanden außerhalb Ihres Vereins, ob Fan oder Fachmann, der jetzt nicht sagt: In der Sache hat Lahm recht.

Uli Hoeneß: Das interessiert mich nicht. Ich sage Ihnen: Lahm hat in fast allen Punkten unrecht!

ZEIT: Lahm sagt, dem Verein fehle ein langfristiges, stringentes Konzept.

Hoeneß: Lächerlich! Was glauben Sie, was passiert, wenn renommierte Trainer zu dir kommen und du sagst: Da sind die Spieler, und du musst jetzt unser System spielen? Franz Beckenbauer hat die einzig richtige Antwort gegeben: Das System ist überhaupt nicht entscheidend, denn eine gute Fußballmannschaft muss verschiedene Systeme spielen können. Die Spielphilosophie bestimmt der Trainer.

ZEIT: Es gibt aber durchaus erfolgreiche Vereine, die über Jahre eine Spielphilosophie entwickeln und sich Trainer holen, die diese Philosophie umsetzen.

Hoeneß: Da bin ich mal gespannt, wer Ihnen da einfällt. 

ZEIT: Der FC Barcelona zum Beispiel.

Hoeneß: 400 Millionen Euro Schulden: super Philosophie!

ZEIT: Arsenal London begeistert schon seit Jahren die Fans – mit ein und demselben Trainer, Arsène Wenger.

Hoeneß: Arsenal? Können Sie mir sagen, wann die zuletzt einen internationalen Titel gewonnen haben? Arsène Wenger hat, soviel ich weiß, noch nie einen internationalen Titel gewonnen. Tolles Beispiel!

ZEIT: Nun, der FC Bayern wartet inzwischen auch schon eine Weile auf einen internationalen Titel, im Gegensatz etwa zu Manchester United. Dort hatte der Trainer aber auch vier Jahre Zeit, eine Mannschaft und ein System aufzubauen.

Hoeneß: ManU? Hat nach dem Kauf durch die Glazer-Familie 700 Millionen Euro Schulden. Außerdem ist das sehr lange her, die Zeit würde der Trainer heute auch nicht mehr bekommen.

ZEIT: Lahm hat den Kauf des Flügelstürmers Arjen Robben kritisiert, mit dem der Verein und die Mannschaft faktisch gezwungen worden seien, vom eingeübten 4-4-2 auf ein kaum erprobtes 4-3-3-System umzustellen. 

Hoeneß: Das ist dummes Zeug, mit dem Robben kann man auch 4-4-2 spielen.

ZEIT: Und dann sitzt da ein Mario Gomez, 30 Millionen Euro teuer, auf der Bank.

Hoeneß: Kaum zu glauben, was? Wie kann man Gomez kaufen und ihn nicht aufstellen? Da sage ich, wir vom Verein haben noch nie einen Spieler gekauft und nachher selbst aufgestellt. Wir waren der Meinung, wenn wir den kaufen, wird er spielen. Was jetzt passiert, widerspricht ja dem, was landläufig geglaubt und uns nachgesagt wird, nämlich dass wir Druck machen auf den Trainer, damit Spieler zum Einsatz kommen. Was glauben Sie, was ich Druck machen würde, wenn ich könnte, um Gomez für 30 Millionen spielen zu lassen!

ZEIT: Wenn es um den Einsatz der Spieler geht, sind Sie besonders gereizt!

Hoeneß: Was mich nervt, ist, dass heutzutage jeder über Systeme spricht. Früher bin ich zum Fußball gegangen und habe geschaut, wer gewonnen hat. Heute quatscht jeder mit, über eine "flache Vier", eine "Raute", die "Doppelsechs". Die meisten, die so klug daherreden, würden sich die Hände brechen, wenn sie taktische Systeme aufzeichnen müssten.

ZEIT: Aber Philipp Lahm bricht sich doch nicht die Hände, wenn er über Taktik redet.

Hoeneß: Lahm liegt zu 90 Prozent falsch, und jetzt sage ich Ihnen, wer dahintersteckt: Roman Grill, sein Berater, der ja auch mal hier gearbeitet hat, will seinen Mandanten positionieren – als Kapitän, als Führungsfigur. Heute Morgen frage ich Grill am Telefon: Wieso erklärst du in der Öffentlichkeit, dass Philipp Lahm schon zwei-, dreimal beim Vorstand war? Du weißt genau, dass das nicht so ist. Und er antwortet mir: Wie soll er sich sonst profilieren? Das war die Antwort. Ist das nicht beschämend?! Da habe ich gesagt: Jetzt weiß ich Bescheid, ich wünsche dir noch einen schönen Tag!