DIE ZEIT: Monsieur de Castries, warum ist Frankreich relativ gut durch die Krise gekommen?

Henri de Castries: Die Aufsichtsbehörden waren vorsichtiger als in anderen Ländern, und die Banken und Versicherungen hatten ein strengeres Risikomanagement. Wir haben auch nicht das Problem mit den Landesbanken wie Deutschland.

ZEIT: Die obersten französischen Finanzmanager von heute haben fast allesamt – wie Sie auch – nach dem Studium beim Staat gearbeitet, vielfach im Finanzministerium, auch in der Bankenaufsicht.

de Castries: (lacht) Die Wirtschaftszeitung Les Echos hat gerade über den "Papst" geschrieben, Jean-Claude Trichet, der heute die EZB führt, und über "seine Kardinäle", also ehemalige Mitarbeiter wie mich. Nun, es stimmt schon, einige der heutigen Chefs waren mal Finanzaufseher. Aber wer seine Arbeit nicht erfolgreich macht, kann sich nicht lange halten. Sehen Sie, die führende US-Investmentbank Goldman Sachs ist privat und hat viele Leute in den Staatsdienst geschickt, bei uns ist es nur andersherum.

ZEIT: Globalisiert sich das Pariser Finanzwesen?

de Castries: Auf jeden Fall. So ist die Mehrheit der Mitglieder unseres Executive Committee nicht mehr französisch, weil 80 Prozent unserer Kunden und die meisten unserer Mitarbeiter nicht mehr französisch sind. Auch in der Industrie gibt es mehr und mehr ausländische Chefs.

ZEIT: Seitens der Politik klingt es aber, als seien die Unternehmen immer noch Organe, immer noch Arme und Beine Frankreichs.

de Castries: Ja, das kann ich nachvollziehen. Aber die neue Managergeneration ist viel eher global als nur französisch. Und wenn wir uns globalisieren, ist die heimatliche Basis nicht mehr so sehr prägend. Bei Axa macht das französische Geschäft nur ein Fünftel aus. Das zwingt uns, genauer zuzuhören und jeweils die lokale Kultur zu respektieren. Dies wiederum ist eine sehr gute Anti-Risiko-Politik. Gewiss bleibt eine französische Art, die Dinge zu erledigen. Als französische Unternehmer sind wir sehr kartesisch, wir organisieren die Unternehmen also rational durch, versuchen dabei aber lokale Bedingungen einzubeziehen. Daher sehen Sie keine französischen Firmen, die einen Markt attackieren und sich 18 Monate später zurückziehen, viele US-Firmen aber machen das.

Wollen Sie die wirtschaftliche Leistung eines Atomkraftwerkes wirklich genauso messen wie einen Betrieb, der Schnittblumen verkauft?
Henri de Castries

ZEIT: Axa ist eher europäisiert als globalisiert.

de Castries: Wir sind – Versicherungen und andere Geschäftsbereiche zusammen – zu 60 Prozent in Europa tätig, zu etwas mehr als 20 Prozent in den USA und zu gut 15 Prozent in Asien. Europa bleibt für uns wichtig, obwohl das Wachstum in Asien viel höher ist. Wenn das Wachstum normaler Jahre zuletzt eins in Europa betrug, waren es zwei in Amerika und vier in Asien oder in anderen Schwellenländern. Innerhalb Europas wachsen wir vor allem in Polen, Ungarn oder Tschechien.

ZEIT: Es gibt eine Theorie, warum Frankreich gut aus der Krise gekommen ist: Man hatte eine gesunde Skepsis gegen alles, was aus Amerika kommt – auch gegen die Subprime-Immobilienkredite.

de Castries: (lacht wieder) Das ist richtig. Das Hypothekensystem bei uns funktioniert anders als in den USA, und alles ist stark reguliert. Hätte man die Subprimes in den USA reguliert, wäre es nicht zu diesen Exzessen gekommen. Eine Krise hätte es allerdings auch ohne Subprimes gegeben. Das amerikanische Wachstum wurde von einer sehr laxen Geldpolitik finanziert, die Finanzkontrolle funktionierte nicht. Und es gab keine zusammenhängende Aufsicht über die verschiedenen Märkte – sonst hätte man beispielsweise gesehen, dass der Versicherer AIG sich in unverhältnismäßige Gefahren stürzte. Anders bei uns: Die Geldpolitik von Jean-Claude Trichet war sehr diszipliniert, was meistens richtig ist, die Aufsicht war besser organisiert, und man begeistert sich hier nicht so schnell für ein bestimmtes Bankgeschäft. Könnte man das nicht auch über Deutschland sagen?

ZEIT: Nicht ganz. Die Deutschen taten alles, um sich dem Banking à la Wall Street zu öffnen und dessen Rechnungslegung nach dem aktuellen Marktwert, Fair Value genannt, einzuführen.

de Castries: Seit Jahren erklären wir, dass Fair Value nicht fairer ist als andere Ansätze, zu höchst prozyklischem Verhalten führt und den Investitionshorizont verkürzt. Das wiederum schadet der gesamten Wirtschaft.

ZEIT: Glauben Sie, dass sich Europa von diesem Wertansatz befreit? Oder haben wir den in der nächsten Krise immer noch?

de Castries: Die Diskussion hat begonnen. Erst einmal müssen wir den Begriff ändern. Diesen Ansatz "fair" zu nennen ist ein Missbrauch. Er ist nur unmittelbar, das ist alles.