Wie in China sei es doch mit der japanischen Politik gewesen, lacht der alte Unternehmenschef beim Mittagessen, und sein hageres Gesicht wirft tausend fröhliche Falten. Immer dieselbe Partei! Ihm selbst ist es dabei gut gegangen. Nicht nur in Japan, überall auf der Welt steht in Sushi-Restaurants seine Sojasoße auf den Tischen. Er, der seinen Namen nicht so gern in der Zeitung lesen möchte, ist reich und mächtig geworden unter der 54 Jahre währenden Herrschaft der Liberaldemokratischen Partei (LDP). Und mit ihm ist das ganze Land reich geworden, für asiatische Verhältnisse sogar märchenhaft reich.

Aber irgendwann hatten die Japaner die LDP satt, diesen alt und zahnlos gewordenen politischen Kampfverband der Nippon AG. Das Postengeschacher in den Ginza-Bars, die Spendenaffären, die Deals mit der Bauindustrie um sinnlose Großprojekte – all dies stieß sie von Jahr zu Jahr mehr ab.

Vor gut zwei Monaten entlud sich die Wut. Bei den Unterhauswahlen am 30. August siegte die Demokratische Partei (DPJ) auf ganzer Linie, gewann 308 von 480 Abgeordnetensitzen. In Japans Politik ist seither nichts mehr, wie es war.

Einmal schon, im Jahr 2001, wäre es um die LDP fast geschehen gewesen. Doch dann schickte die Partei einen charmanten, reformfreudigen Spitzenkandidaten ins Rennen. Junichiro Koizumi gewann die Wahlen und verschaffte der LDP eine letzte Gnadenfrist. »Heute ist die LDP völlig demoralisiert«, sagt Tadashi Yamamoto, Präsident des Japanischen Zentrums für Internationalen Austausch. Koizumis Nachfolger gaben der Partei den Rest. Drei kraftlose, gesichtslose Premiers in drei Jahren – man mochte sich ihre Namen kaum noch merken. Es war Zeit für die LDP zu gehen.

Nirgendwo auf der Welt bebt die Erde so oft wie in Japan. Politisch aber hatte sich seit 1955, dem Gründungsjahr der LDP, nichts bewegt – bis auf eine rasch verflogene Aufbruchphase 1993/94, in der die Opposition kurzzeitig an die Macht gelangt war. Die Staatspartei regierte, ihre Gegner fügten sich in die Bedeutungslosigkeit. Vorbei. Politik in Japan ist spannend geworden.

Yukio Hatoyama, der neue Premier, verglich die Regierungsübernahme überschwänglich mit der Meiji-Restauration von 1868, die den Aufbruch Japans in die moderne Welt markierte. Die Herrschaft werde nun dem Volk zurückgegeben. Damit dies geschehen könne, müsse sie aber zunächst der Bürokratie entwunden werden.

Japans stilles Beamtenheer ist das erste Opfer der neuen Zeit. Gemeinsam mit der LDP und der Industrie bildete es das berüchtigte »Eiserne Dreieck«, bisher das Sinnbild japanischen Regierens. Dieses Machtkartell wollen die Demokraten zerschlagen. Nur so, glauben sie, ließen sich Korruption und Verschwendung überwinden.

Dazu gehört auch die ehrwürdige Institution des amakudari – des »Hinabsteigens vom Himmel«. Ist ein Spitzenbeamter Mitte fünfzig, pflegt er den Staatsdienst zu quittieren und auf einen gut dotierten Posten in der Privatwirtschaft zu wechseln. Künftig soll das verboten sein.

Nach den Vorstellungen der Demokratischen Partei hat sich die Bürokratie der Politik zu fügen. Bisher war es eher umgekehrt. Die Ministerialbeamten schrieben den Ministern auf, was zu sagen war; diese lasen es im Parlament vom Blatt ab. Heute brüten Minister und Staatssekretäre bis tief in die Nacht über den Papieren, sollen doch nun sie die Richtung vorgeben.