Man muss nur einmal den Alten zuhören, wenn sie vom Krieg erzählen. Den betagten Eltern, den Großeltern, den greisen Tanten. Da bleiben keine semantischen Zweifel. Krieg, das ist nicht irgendein Feldzug. "Der Krieg" – das ist der Zweite Weltkrieg. Brennende Städte, Millionen Tote. Väter, Söhne, Brüder, die nicht mehr nach Hause kamen.

Man kann nicht vom Krieg sprechen in Deutschland, ohne vom Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Das war bei den Balkankriegen in den neunziger Jahren so, das ist jetzt wieder so beim Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Sogar die juristische Diskussion über eine mögliche Anklage gegen Oberst Klein, der Anfang September einen Luftschlag gegen zwei entführte Tanklaster befohlen hat, wird noch von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg mitbestimmt. Es ist dieser Krieg, der unsere Verfassung geprägt hat, die selbst in Trümmern entstand und in ihrem Kern pazifistisch ist, wie das ganze Land seit 1945. Ein Land, das zudem bis 1989 sehr genau wusste, dass jeder neue Krieg in Europa in einer atomaren Apokalypse enden würde.

Und diesem Land soll es leichtfallen, wieder vom "Krieg" zu sprechen? Von einem Krieg in Afghanistan?

Der neue Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat es jetzt getan, beinahe jedenfalls. Er hat sich an die Vokabel herangepirscht, gleichsam von der Seite, immer auf dem Sprung zum Rückzug. In Teilen Afghanistans gebe es "fraglos kriegsähnliche Zustände", erklärte Guttenberg, und er könne jeden Soldaten verstehen, "der sagt: In Afghanistan ist Krieg." Das ist umständlich formuliert, aber doch deutlich weniger verquält als das bürokratische Herumdrucksen seines Vorgängers Franz Josef Jung. Der hatte bis zuletzt darauf beharrt, das Engagement in Afghanistan sei ein "robuster Stabilisierungseinsatz". Vor acht Jahren war das vielleicht ein angemessener Begriff. Heute klingt es nur noch wie eine Verschleierung der Situation, die zusehends bedrohlicher wird für die Truppe, für die zivilen Helfer und vor allem für die Afghanen selbst.

Die Gespenster der Vergangenheit erwachen – und lassen sich einsetzen

Diese Realitätsverweigerung aufzugeben ist fraglos ein Fortschritt. Und doch bleibt bemerkenswert, wie viel Beifall Guttenberg dafür bekommen hat, dass er den Widerstand gegen eine Eskalation der Sprache beendet hat. Wie erklärt sich die mitunter nur mühsam unterdrückte Begeisterung darüber, dass das K-Wort in das politische Vokabular Berlins zurückgekehrt ist – eine Begeisterung, die Linke und Konservative, Soldatenverbände und Kriegsgegner auf merkwürdige Weise vereint? Wer profitiert davon, wenn wir von Krieg sprechen?

Zunächst natürlich all die, die immer schon einen sofortigen Abzug der deutschen Truppen gefordert haben. Wenn sie nun gewissermaßen mit ministerieller Genehmigung den deutschen Einsatz in Afghanistan einen Krieg nennen dürfen, dann können sie politisch all die Schrecken mobilisieren, die mit dem Wort historisch in Deutschland verknüpft sind. Dann können sie den tief verwurzelten Pazifismus aktivieren, der nicht immer leicht von einer bundesrepublikanischen Bequemlichkeit zu unterscheiden ist, sich mit den Konflikten der Welt zu beschäftigen. Wo Krieg ist, so wäre die Logik, hat Deutschland nichts zu suchen.

Zum Zweiten profitieren von der Rede vom Krieg paradoxerweise wahrscheinlich vor allem die deutschen Soldaten in Afghanistan. Sie schießen und werden beschossen, sie töten, und manche von ihnen sterben. Das ist keine erweiterte Polizeimission mehr, kein bewaffnetes Brunnenbohren, es ist ein Kampf unter Einsatz des Lebens, und das Wort Krieg ist die Chiffre dafür, dass dies auch die deutsche Öffentlichkeit langsam zur Kenntnis zu nehmen beginnt. Der Bundeswehrverband lobte den neuen Minister denn auch dafür, "den Puls der Truppe" zu fühlen. Auch weil er erklärt hatte: "Wir brauchen ein Höchstmaß an Rechtssicherheit für unsere Soldaten. Da müssen wir uns politisch fragen, ob wir mit unserer Sprache dazu einen Beitrag leisten können."