6. November 2009: Die Szene im Zentrum von Havanna hätte in Berlin spielen können. 20 Jahre zuvor, als die Mauer noch stand. Drei stämmige Männer springen aus einem schwarzen Auto. Befehlen zwei Passanten barsch: "Steigen Sie ein!" Drücken den Kopf der sich wehrenden Frau nach unten und stoßen sie auf den Rücksitz. Der Fahrer gibt Gas, der jüngere Schläger hinten drückt ihr sein Knie auf die Brust und hält den Begleiter im Polizeigriff. Der Ältere traktiert sie vom Vordersitz aus mit der Faust. Nach 20 Minuten finden sich die Entführten am Stadtrand wieder, vor Schmerzen gekrümmt auf der Straße liegend.

So geschehen am vergangenen Freitag, als sich Deutschland für das Einheitsfest rüstete. Die Opfer: zwei Blogger. Die Frau: Yoani Sánchez, durch ihre Website weltweit zu Ruhm gekommen, außer in Kuba selbst, Nordkorea und einigen anderen Löchern im Netz. Im April 2007 hatte die damals 32-jährige Philologin begonnen, Alltagsnotizen von der altkommunistischen Insel ins Internet zu stellen. Es war die Zeit, als Raúl Castro versuchte, die von seinem siechen Bruder Fidel übernommenen Ämter mit einem Hauch von Glasnost und Perestrojka aufzupolieren. Das Denken der anderen sollte nicht mehr völlig tabu sein. Sogar Das Leben der Anderen erschien plötzlich auf Havannas Leinwand – beim Filmfestival im Dezember 2008. Yoani Sánchez kommentierte den Ansturm auf das Kino in ihrem Blog: "Die draußen schrien: ›Macht auf!‹, als die Türen wegen der Stampede geschlossen wurden. Für mich waren es Schreie mit Ausrufungszeichen… Eine Stunde später konnten wir im Film den Satz hören: ›Die Mauer ist gefallen!‹ So hat uns der Film Das Leben der Anderen (La vida de los otros), den wir in Das Leben der Unsrigen (La vida de nosotros) umgetauft haben, das Wort gebracht, das alle unsere Wünsche konzentriert: ›Macht auf!‹"

Auf dem Weg zu einem "Marsch gegen Gewalt", der – gemessen an den Demonstrationen vor dem Mauerfall – nur ein verschwindendes Häuflein junger Musiker einigte, wurde die Bloggerin jetzt brachial abgefangen. Die Wiesler – wie der von Ulrich Mühe gespielte Stasi-Hauptmann hieß – sind auf der Insel weiter unterwegs. Deren kubanische Kollegen hatte Sánchez damals in ihrem Blog so beschrieben: "Auch wenn sie keine Deutschen sind und von Zeit zu Zeit schludern, weil sie dem wackelnden Po einer vorübergehenden Schönheit nachträumen, gleichen sie im Prinzip doch den teutonischen Agenten in der Straflosigkeit des Schattens."

Inzwischen haben seine Reformen an Schwung verloren, doch offene Gewalt erscheint Raúl Castro – wie vor 20 Jahren Gorbatschow und der Mehrheit der SED – nicht mehr als politische Handlungsoption. Die Regierung will einschüchtern, aber keine "Fälle" schaffen, auf die die EU und Obama mit Fingern zeigen. Autoritär eingreifen, aber keine Prozesse führen. Das verringerte Quantum Gewalt wird nicht von uniformierten Bütteln, sondern "zivil" und ohne Ausweis verabreicht: aus der "Straflosigkeit des Schattens". Nur: Yoani Sánchez macht weiter. "Die entscheidende Therapie für mich bleibt dieser Blog", schreibt sie jetzt über ihre blauen Flecken.