Es soll Jugendliche geben, die 100 Dinosaurierarten kennen, plus deren Länge und Gewicht. Diese Juniorspezialisten lächeln, wenn einer mit ihnen Fachgespräche über T. Rex und Velociraptor führen will. Sie können zielsicher zwischen Aucasaurus und Buitreraptor oder Troodon und Lambeosaurus unterscheiden.

Solche Fortgeschrittenen sind das Zielpublikum des Buchs Evolution: Fossilienfreaks, die nicht erschrecken, wenn ihnen weichkörperige Kreaturen der Ediacara-Fauna aus dem Proterozoikum vor 600 Millionen Jahren begegnen und diese Prä-Viecher auch noch bizarre Namen tragen wie Spriggina, Charnia Wardi oder Bradgatia. Sogar den Anblick des Laurasiatheria-Stammbaums vertragen diese Leser mühelos. Und erfahren so, dass zu den Plazentatieren die Perissodactyla (Unpaarhufer), Ruminantia (Wiederkäuer) und Eulipotyphla (Insektenfresser) gehören.

Schöne schwere Kost. Insofern überrascht der Verlag, wenn er im Klappentext verkündet, Evolution sei ein "Nachschlagewerk für die ganze Familie". Welche Familien? Die mit hochbegabten filii et filiae? Die Kapitel sind anspruchsvoll. Um die Entwicklung des Lebens zu veranschaulichen, ist jeweils ein wichtiger Fundort mit einer zentralen Phase in der Entwicklung von Fauna und Flora verknüpft. Zum Beispiel Cray Mountain in Montana (USA), 63 Millionen Jahre vor heute. In einem detailreich gezeichneten Laubwald tummeln sich schweine- und lemurenähnliche Vorstufen nagender und kletternder Säugerarten inmitten zeitgemäßer Flora. So bekommt ein Erdzeitalter namens Paläogen ein buntes Gesicht.

Kontextuell geht es durch die Evolutionsgeschichte; von den ersten biochemischen Nachweisen primitivsten Lebens vor 3,5 Milliarden Jahren bis zu ausgestorbenen Riesen der Eiszeit-Megafauna und künstlerischen Hinterlassenschaften eines Zweibeiners namens Homo sapiens in einer südfranzösischen Höhle. Mit jedem Umblättern kreuchen und fleuchen komplexere Wesen der Gegenwart entgegen. Währenddessen ist parallel zu verfolgen, wie sich mit dem Werden der irdischen Biodiversität die Plattentektonik der Planetenoberfläche verändert.

Ein abgefahrenes, komplexes Puzzle. Zum Einstieg helfen die Hintergrundartikel: Was ist Evolution? Wer war Darwin? Wie entsteht ein Fossil? Was Lesern normalerweise das Erschließen eines so klugen Werks erleichtert, ist hier leider ein Ärgernis: Das eigentliche "Register" ist nur zwei Seiten lang. Folglich findet man dort etwa einen Begriff wie Känguru nicht. Dafür gibt es ein "Glossar", ein "Verzeichnis der Arten" und ein "Register der Arten". Um dort das Känguru zu finden, muss man erst ergoogeln, dass es sich lateinisch um ein Macropus handelt…

Hilft nur: blättern und sich inspirieren lassen.und stundenlang das "Panorama" bewundern. Alle Einzelillustrationen fließen hier zu einem einzigen unendlichen Streifen zusammen: zu einem 3,5 Milliarden Jahre umfassenden Comicstrip des Lebens. Würde man ihn maßstabsgetreu etwa auf ein erhaltenes Stück Berliner Mauer projizieren, er wäre fast einen Kilometer lang.