Eingekochte Köpfe, hingeschlachtete Kinder, lebendig begrabene Unschuldige – Gräueltaten in Sammlung gilt es anzuschauen. Die Seiten, auf denen sie geschildert werden, sind herrlich eingebunden, gülden verziert, mit stilisiertem Marmorpapier ausgeschlagen. Es ist der Hexen-Almanach für Kinder, den das französische Duo Sébastien Perez (Text) und Benjamin Lacombe (Text und Illustrationen) gestaltet hat. Grusellektüre in zwei Bänden.

Der Almanach ist eigentlich nur der Begleitband, der mit im Schuber steckt, wenn man das Bilderbuch Lisbeth, die kleine Hexe kauft. Allerdings ist er doppelt so dick und doppelt so lehrreich. Als Hexe kommt hier unter, wer einigermaßen Unerklärliches in der Weltgeschichte geleistet hat und weiblich ist: Johanna von Orléans ist dabei, natürlich die böse Alte aus Hänsel und Gretel. Seine Sprache ist altertümelnd angenehm und nicht von der Art, die man fälschlicherweise kindgerecht nennt. Es gibt ein Glossar für wichtige Hexen-Wörter wie "Voodoo" oder "Scheiterhaufen".

Eine Aura von Geheimwissen und schrecklichen Verbrechen, über die man eigentlich nichts wissen darf, umgibt ihn. Die Bilder der vermeintlichen Hexen sind kühl und düster. Nur ihre Haare und Augen sind in kräftigen, leuchtenden Farben gestaltet, als ginge eine Kraft von ihnen aus. Dann und wann fliegt ein Rabe über die Seiten, und nach der Lektüre weiß nun wirklich jedes Mädchen, dass fünfzackige Sterne, schwarze Katzen, rote Haare und Äpfel die Symbole einer dunklen Macht sind.

Die Grusel-Kälte des Almanachs spricht auch aus dem schmalen Bilderbuch. Es erzählt die Initiationsgeschichte der kleinen Lisbeth, die feststellen muss, dass sie eine Hexe ist – für sie ein ziemlicher Schock. Lisbeth findet besagten Hexen-Almanach auf dem Dachboden ihrer Großmutter Olga. Über der Lektüre wird sie sich ihrer Andersartigkeit bewusst, erkennt ihre übersinnlichen Fähigkeiten und rettet den verloren gegangenen Freund Edward in einer grauen Dezembernacht aus einer grauen Schlucht.

Die Geschöpfe auf den Bildern erinnern an die langgliedrigen, großäugigen Figuren aus dem Universum Tim Burtons. Aber sie besitzen keine komische Dimension. Die Zeichner schufen verletzliche, blasse, einsame Kinder. Am Ende dürfen sich Edward und Lisbeth zwar küssen. Doch der Schluss wirkt seltsam dissonant. Als könnte das Gruselige, das aus den düsteren Bildern spricht, noch auf der nächsten Seite fortdauern. In den Worten Liliths, der Mutter aller Hexen, klingt das so: "Die Geschichte wird niemals enden, solange die Gabe weitergegeben wird."