Dieses Buch kann sich in einen Eisbären verwandeln. Es muss dazu keine Pop-up-Tatzen erheben und kein Batteriebrummen anwerfen, nein, die Verwandlung bewirkt allein das zauberstille blaue Bild der ersten Doppelseite. Wer sie aufschlägt, sieht den Eisbären vor sich liegen, genau so, als sei man kuschelnd bei ihm eingeschlafen und würde ihm erwachend in die Augen blinzeln.

Die Geschichte in dem Buch beginnt auch so. Mit einem bärenumschlungenen Kind. Emma heißt das Kind, und das Buch heißt wie der Bär, Jimi. "Es war ein sehr junger Eisbär von der Grösze eines Hunde Babys." Die Worte sind manchmal seltsam, wie von Kindern geschrieben. Sie stammen aber von der großen Dichterin Friederike Mayröcker, die Bilder von der Malerin Angelika Kaufmann. Ausnahmsweise darf man das Alter der beiden Damen verraten – es sind zusammen 159 Jahre –, weil Jimi den eigentlich albernen Satz, dass wahre Jugend etwas mit dem Alter zu tun habe, in schönster Weise bestätigt.

Kinderzart und traumklar erzählen die beiden Künstlerinnen diesen Hauch von einer Geschichte, der in vierzehn gezeichneten und aus Buntpapierfetzen geklebten Bilder vorüberzieht: Emma und Jimi frühstücken im Garten, sitzen im Gras, laufen durch die Blumen. Sie hören Vögel singen, winken der Schnecke zu. Mehr passiert nicht. Mehr passiert nicht? Unendlich viel mehr. Nicht nur sind Tiere auf den Seiten versteckt, Käfer, Maulwurf, Ameisen. Nicht nur wundert man sich über Jimis Frühstückshonig (gibt’s am Nordpol Bienen?), nicht nur erblickt man den scheuen Hasen am Zaun und betrachtet die Welt ein verdrehtes Bild lang aus dem Schneckenhaus, in das sich die Bewohnerin zurückzog. Sobald man dieses Eigenleben der Tiere bemerkt, liegt ein Zug des Staunens über dem Honigknäckebrotmorgen. Es ist die Welt, die Emma entdeckt, mal verwundert, mal traurig, meist froh. Weil Angelika Kaufmann so viele Gefühle ganz sacht und in knappsten Strichen andeutet, erzählt das kurze Buch tatsächlich von einer ganzen Kindheitsewigkeit – die ja ohne Weiteres in einem schönen Sommertag stecken kann.

Am Ende, als der Hase davongehoppelt ist, macht Emma die größte Entdeckung: dass Jimi ihr Freund ist. Der erwachsene Leser, der eine Wirklichkeit hinter den Bildern sucht, denkt nun womöglich, dass dieser Eisbärenfreund wohl doch nur aus Stoff besteht. Dass hier aber ein Dutzend Bilder jene Zeit feiern, in der die Stofftiere lebendig sind, das ist das Geschenk dieses wundervollen Buches.