Er ist vierzehn Jahre alt, hat einen Buckel, trägt schwarze Kleidung und ein Bündel auf dem Rücken, in dem sein kostbarster Besitz verborgen ist, ein Buch. Er stottert, wenn er seinen Namen nennen soll. M... M... Mausche, sagt er dann, M... Mausche. Manchmal, wenn er Angst hat, Angst vor Kindern, Angst vor Hunden, vor Zöllnern, vor Soldaten, möchte er sich in seinem Buch verstecken. Aber er versteckt sich nicht. Er hat sein Buch eingepackt, ist aufgebrochen, zu Fuß, von Dessau nach Berlin. Das sind mindestens 150 Kilometer. Und schon in Rosslau sieht es so aus, als sei die Reise vorbei und aus das Leben. Er hört Kinderstimmen hinter sich. Judas, Judd, Judas, Judd, Judas, rufen sie. Steine fliegen. Ein Stein trifft.

Könnte es so gewesen sein im Oktober 1743, als Moses, der Sohn des Schulmeisters Mendel, der hinkende Judenjunge aus der Spittelgasse zu Dessau, sich aufmachte, um in Berlin ein "Weltweiser" zu werden, Moses Mendelssohn, der Mann, den sie den Platon der Deutschen nannten? Es gibt keine autobiografischen Rückblicke auf Kindheit und Jugend. Nur kurz hat Moses Mendelssohn die "Hauptfacta" seines Lebens notiert. Rabbi Fränkel, sein Lehrer, wurde 1743 nach Berlin berufen, schreibt er, "wohin ich ihm noch im selben Jahr folgte". Mehr nicht. "Wir wissen nicht, wie er nach Berlin gereist ist", schreibt auch Katja Behrens. Aber angekommen ist er. Wer könnte ihm geholfen haben? Wem könnte er begegnet sein? Wie mag er sich verständigt haben, der kleine Mausche, der als Kind nur Jiddisch und Hebräisch sprach? Allein unterwegs auf den Landstraßen, in den Garnisonsstädten, in Waldeseinsamkeit?

Gleich zu Beginn ihres wundersamen Reisebilderbogens hat Katja Behrens ihm einen Begleiter erfunden. "Wohin wills du?", fragt Hannes, der Handwerker aus Wiesbaden. "Berlin", sagt Mausche. – "Dann gehen mer doch en Stückelche zusamme." Sie treffen viel fahrendes Volk, adlige Damen, einen Fritz im blauen Rock der preußischen Armee. Es gibt reiche Juden, bei denen Mausche am Schabbes einkehren darf, und jüdische Räuberbanden, die Hannes und Mausche zusammenschlagen. Hannes babbelt Hessisch, Mausche stottert Jiddisch – aber sie reden. Mausche schaut zu, wie Hannes abends im Wald zum Gebet auf die Knie geht und seltsame Zeichen macht. Hannes sieht, wie Mausche Gebetsriemen anlegt, Unverständliches murmelt, mit dem Oberkörper hin und her schaukelt. Sehr seltsam findet der eine den anderen. Am nächsten Morgen gehen sie weiter. Lange werden sie nicht zusammenbleiben, aber lange genug, um zu erkennen, dass Fremde nicht Feinde sein müssen.

Katja Behrens hat in ihrem Buch über die beiden Kinder des 18. Jahrhunderts viel Kluges versteckt für die Kinder des 21. Jahrhunderts. Selbst Lessing hat einen versteckten Auftritt und zitiert die Worte des Predigers: "Wer viel lernt, muss viel leiden." Wohl wahr. Aber welch ein Abenteuer ist eine Reise für den, der sein Buch dabeihat und lernen will!