Unmöglich, sich diesen Baum als Regal vorzustellen, abgeholzt, verkauft, wegtransportiert. Er heißt doch "Baum zum Nachdenken". Mehr als 70 Millionen Kubikmeter Rundholz werden in Indien jährlich verarbeitet, dieser Baum könnte dabei sein. Mit allem Wissen, das in ihm steckt. Undenkbar.

Denn natürlich ist es eine Art Wissen, das sich in den Bäumen, mithin in den Geschichten und Bildern dieses indischen Kinderbuches, versteckt, es ist nur nicht die westliche Wissenschaft mit ihrem Überprüfen, Messen, Beweisen. Der Baum hat Bedeutung im Leben des Volks der Gond in den Urwäldern Zentralindiens, die Gond wissen alles über den Sinn dieser Pflanzen, die tagsüber für den Menschen tätig sind und nachts für die guten Geister. Von diesen Bedeutungen erzählen die Mythen und Märchen, die nun von drei Künstlern der Gond-Kultur eigens für dieses Buch in Bildern dargestellt wurden.

Aber das ist ja zu spröde gesagt. Denn es ist merkwürdigerweise beim Berühren der Seiten (eine jede ist original von Hand im Siebdruck entstanden), als sei in ihnen die raue Textur der natürlichen Rinde zu spüren, und mit dem nachtschwarzen Farbton, aus deren Hintergrund die Bedeutungen der Natur leuchtend hervortreten, verhält es sich so, als sei dieser Ton tiefer, viel tiefer als Schwarz es sonst ist, und dabei warm.

Fast möchte man gar nicht berichten, dass dieses Buch in vorbildlichem Fair Trade hergestellt wurde, sonst denkt einer, er solle es kaufen, als gute Tat. Das wäre ein Missverständnis. Denn dies ist Kunst. Sie versteht etwas von der Welt, die abgeholzt wird.