DIE ZEIT: Glückwunsch! Sie haben gerade den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen, und für Ihr neuestes Buch gab es im Oktober einen LUCHS. Wurden Sie als Kind satt mit Bildern versorgt?

Shaun Tan: Mit einem Bild aus dem Dschungelbuch. Meine Mutter hatte es an die Wand des Kinderzimmers gemalt. Für Bücher war kein Geld da.

ZEIT: Also wo liegt die Quelle Ihrer Bildwelten?

Shaun Tan: Im Fernsehen. In Filmen. Ich habe immer schon so Star Wars- Sachen gezeichnet. Ich erinnere mich an diesen Moment des Glücks, als ich Darth Vader hinkriegte, ich dachte: Wow! Sieht fast aus wie im Film! Und natürlich Fantasyfilme. Es ging immer um Monster, Dinosaurier, Roboter.

ZEIT: So Jungssachen.

Shaun Tan: Ziemlich.

ZEIT: Man öffnet Ihre Bücher und findet sich in unheimlichen Welten. Es sind Gefühlslandschaften des Fremdseins. Woher kommt dieses Gefühl?

Shaun Tan: Schon als Teenager haben mich Dystopien fasziniert. Geschichten, die in einer Welt spielen, in der etwas nicht stimmt. Das erste Science-Fiction-Buch, das ich gelesen habe, war The White Mountains von John Christopher. Das Buch spielt in einer Zukunft, in der die Gesellschaft aber in einer Art von Mittelalter lebt. Es gibt riesige Roboter in den Dörfern, Außerirdische. Das Leben der Menschen wird kontrolliert durch etwas, was man ihnen in die Köpfe implantiert, wenn sie die Pubertät erreichen. Ein Junge spürt, dass da was nicht stimmt, und rennt weg. Und so beginnt das Abenteuer. Ich glaube, viele junge Menschen werden von solchen Geschichten angezogen, durch diese Art, die Welt infrage zu stellen. 

ZEIT: Kinder kommen fragend in diese Welt. Sie selber wurden in einer australischen Vorstadt abgesetzt. In Ihrem gerade ausgezeichneten Buch Geschichten aus der Vorstadt des Universums zeichnen Sie eine urbane Landschaft der Ödnis. Sie haben schlechte Erinnerungen?

Shaun Tan: Ein australischer Vorort ist weniger Naturlandschaft als Medienwelt. Sie besteht aus Film und Fernsehen, ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendetwas Bedeutung hätte. Es gab kein Wertesystem. Man musste sich selber einen Reim auf die Dinge machen. Ist Fernsehen wichtiger als dieses Buch? Oder eine Zeitung? Was zählt?

ZEIT: In dem Buch Ein neues Land folgen Sie einem Auswanderer in eine Fremde, in der er einsam ist und verstört. Würden Sie in der Perspektive des Einwanderers auch diese kindliche Ratlosigkeit verorten?