Auf der ersten Doppelseite funkeln Sterne im tiefen Schwarz; einer dieser Sterne ist einem neugeborenen Kind gewidmet. Dann werden die Farben heller und die Sterne blasser. Im Wechsel von Dunkel und Hell fragt eine Stimme "Wie war das am Anfang, als Gott an mich gedacht hat?" Welche Überlegungen könnten Gott durch den Kopf gegangen sein, als er sich entschloss, ein neues Leben in diese Welt zu setzen? Sollte der fragende Erzähler ursprünglich ein Stein, ein Baum oder ein Rentier werden? Es sind diese Fragen, die das Buch durchziehen und die uns in geheimnisvolle Bildräume führen. Heinz Janisch, der so oft in seinen Erzählungen Poesie mit sprachlicher Einfachheit verbindet, erzählt keine Schöpfungsgeschichte, sondern nimmt die kindliche Perspektive ein und stellt, fast wie in einem Ratespiel, immer neue unbefangene Fragen: Sollte ich "ein Tiger im Sprung" oder "eine Schneeflocke unter vielen Schneeflocken" werden? Wer oder was wäre ich dann?

Solchen Überlegungen begegnet Linda Wolfsgruber mit fragilen Bildangeboten. Ihre Neigung zur abstrakten und experimentellen Bildgestaltung zeigt sich auch hier. Sie entwirft zeichenhafte Landschaften, die sich aus transparenten Papierschichten, gedruckten Farbflächen und gerissenen Heftseiten zusammenfügen; man meint, das Material direkt berühren zu können. Darin erscheinen, gezeichnet, gemalt, gestempelt oder collagiert, archaische Figuren wie Fische, Vögel, Seesterne und Muscheln.

Aber auch ein Tiger oder ein Eisbär treten auf diesen labilen Papierbühnen auf. Wie die Illustratorin ihre knappen figürlichen Zeichen in die offenen Bildräume einfügt, wie sie die Strukturen der gerissenen Papiere für Atmosphäre und Stimmungen nutzt – das macht die Bilder zu kleinen Kunstwerken, die etwas von der Magie vergangener Welten verströmen. Fast glaubt man, auf lange verschüttete Bilder unserer Urgeschichte zu blicken.

Am Ende werden alle Fragen des Kindes mit einem einzigen Satz beendet: "Gott sagte: Du wirst ein Mensch sein." Ein kleines seilhüpfendes Mädchen tritt aus den Papierschichten hervor und gibt dem Fragesteller das beruhigende Gefühl, dass alle durchgespielten Möglichkeiten, Gott sei Dank, nur Vorstellungsbilder waren. Auch der Leser ist beruhigt, wer wollte schon "ein Apfel, der den Hügel hinabrollt", sein?