Menschen, die fliegen können. Nein, nicht mit dem Flugzeug und nicht im Gleitflug, sondern Menschen, die sich aus eigener Kraft mit angewachsenen Flügeln in den Himmel heben können. Hochintelligente, musische Kinder, wie Eltern sie sich wünschen, die sie dann auch nach Plan erhalten. Erbkranke mit einem total gesunden Nachwuchs. Alt werden, 150 Jahre und mehr, ohne körperliche und geistige Einbußen.

Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Solche Themen regen die Fantasie an. Doch hier handelt es sich nicht nur um fantastische Wünsche der Menschheit, sondern um eine Möglichkeitsform mit realistischer Anbindung. Was wäre, wenn wir nur geringfügig unsere DNA manipulieren würden? Wenn wir unser Erbgut, zwei Meter lang, aufgerollt in fast jedem unserer Zellkerne, wissenschaftlich so genau auseinanderpuzzeln und beeinflussen würden, dass wir künftig unsere Haar- und Augenfarbe, unsere Fitness, unsere Durchsetzungskraft und Lebenszufriedenheit vorherbestimmen könnten?

Davon handelt dieses Buch: Was die Genforscher heute schon wissen über diese Desoxyribonukleinsäure (DNA), die zu einem großen Teil darüber bestimmt, wer wir sind und was wir können. Es beschreibt die ausufernden Sehnsüchte, die dieses Wissen freisetzt. Und zum Dritten holt es die Leser wieder auf den Teppich und sagt ihnen, was auch Sache ist: Wir, die Sklaven unserer Gene, sollten nicht plötzlich zu Gott werden wollen. Da sei die Ethik vor, vielleicht auch die Religion. In jedem Fall gehört eine Menge Nachdenklichkeit dazu, grenzenlosen Wünschen vernünftige Zäune zu setzen.

Das Buch ist für Jugendliche gedacht. Es lehnt sich in Science-Fiction-Geschichten an ihre Gedankenwelt an, vertraut ihrer überbordenden Fantasie, will aber auch ihre Ansichten hervorlocken zu Fragen wie diesen: Wie weit wollt ihr gehen? Würdest du deine Genomdaten ins Netz stellen? Darf man einen fünf Tage alten Embryo zerstören, um Stammzellen für die Forschung zu gewinnen? Darf ein Chef fordern: Beweise mir deine genetische Gesundheit, erst dann gibt es den Traumjob?

Aber was heißt schon, ein Buch für Jugendliche? Jeder, der nicht seit Jahrzehnten die Genforschung in Wissenschaftszeitungen verfolgt, kann hier etwas lernen. Auf einen Blick Sinnverwirrendes. Wunderbares und Erschreckendes. Entwicklungen, die unsere Welt entscheidend verändern können. Risiken mit einem Potenzial, alles Leben zu vernichten. Wenn wir versuchen, die Menschen durch genetische Veränderung zu optimieren, wird sich zeigen, dass unser Organismus aus vielfach verknüpften Systemen besteht. Wir wissen nicht, welche Schäden ein winziger Eingriff an einem Punkt an anderen Stellen auslösen wird. Für solche Gefahren haben wir eine Vorerfahrung: Wenn die Politik an einer Stelle etwas verändert, können auch in ihrem komplexen System andere Bereiche einbrechen. Und: Haben wir nicht schon mal erlebt, wie das ist, wenn der Staat sich zum Herrn der Schöpfung macht, wie in der Euthanasie und Rassenideologie im Dritten Reich?

Das Buch unterteilt seine Kapitel in "Manipulation", "Krank und gesund", "Länger leben", "Klonen" und "Chimären". Es lässt Ethiker zu Wort kommen und berichtet von den genialen Ideen der Wissenschaft. Unbegrenzt originell sind auch die Geschichten, die sich die Autorinnen einfallen ließen, etwa zum Thema, wie die Liebe unter genmanipulierten Menschen künftig aussehen könnte. Ob diese Wesen aggressiver, enthemmter sein werden, schmerzempfindlicher oder spiritueller? Was wissen wir schon, außer dass wir mit den Menschenaffen 98,5 Prozent unserer Erbanlagen teilen und 1,5 Prozent über das Menschsein entscheiden? Ein gutes, nachdenkliches Buch stellt genau solche Fragen.