Das beste Buch des Jahres auszuwählen ist ein großartiges Unterfangen. Groß im Sinne von gewagt, unter Abertausenden von Neuerscheinungen das Buch zu finden, das in allem überzeugt, kann das gelingen? Großartig auch im Sinne von beglückend, denn wenn ein solches Buch entdeckt ist, folgt man mit Staunen den Sätzen in eine Welt, zu der nur Bücher Zutritt verschaffen, in das stille Reich der Imagination. Der Jugendroman Damals, das Meer ist ein solches Buch. Der Autorin Meg Rosoff ist ein Roman gelungen, ein Kunstwerk von betörender Schönheit, das die Übersetzerin Brigitte Jakobeit mit angemessener Lakonie atmosphärisch dicht ins Deutsche übertragen hat. Die Jury des LUCHS Preises, zu der die Mitbegründerin des Preises Marion Gerhard gehört, die Schriftstellerin Julia Franck, die Buchhändlerin Hilde Elisabeth Menzel sowie Franz Lettner vom Wiener Institut für Jugendliteratur, haben dieses Buch deshalb im Mai dieses Jahres zum LUCHS des Monats gewählt und nun unter den elf 2009 ausgezeichneten Büchern zum LUCHS des Jahres. Welche Bücher waren die Konkurrenten, warum ist dieses das beste?

Es ist die Geschichte einer Liebe, die der Begegnung zweier Halbwüchsiger. Sie soll sich im Jahre 1962 zugetragen haben, daran erinnert sich einer der beiden, nun ein alter Mann, hundert Jahre will er schon gelebt haben, womit Meg Rosoff den Zeitpunkt des Erzählens in die Zukunft platziert hat. So verschwimmt Gegenwart mit dem, was war, und dem, was sein wird, ähnlich wie in dieser Erzählung von der Zuneigung eines Internatszöglings zu einem am Rand des Meeres einsiedlerisch lebenden jungen Menschen die Sehnsüchte mit der Realität ein merkwürdiges Spiel treiben und um die Jungen herum, in einer unwirtlichen Küstenlandschaft, alles Feste unter dem nagenden Rhythmus von Ebbe und Flut sich zu verflüssigen scheint.

Es ist der dritte Roman der amerikanischen Autorin, die mit ihrer Familie in London lebt und tatsächlich auch in einer weiten Landschaft nahe dem Meer zu Hause ist. Allen ihren Romanen, auch So lebe ich jetzt (2004) und Was wäre wenn (2006), ist eigen, dass in ihnen junge Menschen in einem Kosmos dahintreiben, in dem sie vollkommen auf sich geworfen sind. Erwachsene sind Randfiguren, mit etwas Glück unwesentlich, nicht hilfreich bis geradezu verächtlich, wenn das Unglück überhand nimmt. Das gibt dem Geschehen einen Hauch von Melancholie. Manchmal ist da eine Schärfe, die in Bitterkeit übergehen kann, abgefangen nur durch den Humor, der auch mal wehmütig ironisch ist. Der Mangel an Geborgenheit sorgt dafür, dass das Geschehen ganz auf die Perspektive der jungen Helden zurückfällt. Sie haben diesen weitgestellten Blick auf die Welt, unbegrenzt durch Konvention, Gewohnheit, Abgebrühtheit. Tiefer wird man in das Erleben eines jugendlichen Helden nicht dringen können, allein das macht schon Mut.

Meg Rosoffs Roman musste sich gegen eine Konkurrenz von LUCHS-Titeln behaupten, welche die Entscheidung so schwer machten wie möglich. Mirjam Presslers feinfühlige Interpretation der Lessingschen Vorlage als Nathan und seine Kinder lässt junge Leser an den dramatischen Abläufen der Geschichte teilnehmen und ist zugleich ein Plädoyer gegen die leidvollen Kriege der Religionsfanatiker. Die kleine Schatulle, in der Lienekes Hefte versammelt sind, öffnet sich wie eine Schatztruhe und gibt dann den Blick frei auf ein Bündel der sehnsuchtsvollen Briefe, die der jüdische Arzt Jacob von der Hoeden 1944 aus dem holländischen Untergrund an seine kleine Lieneke schrieb, die er vor den deutschen Faschisten bei Fremden verstecken musste. Handcolorierte Heftchen mit aufmunternden Zeichnungen, Dokumente der Vater-Liebe, von den Kurieren des Widerstands unter Lebensgefahr transportiert. Ein Abenteuer ist der Roman Klick, den zehn Autoren zusammen geschrieben haben, Roddy Doyle und Nick Hornby, Linda Sue Park, Eoin Colfer und andere Kult-Autoren, ein Stafettenlauf von Kapitel zu Kapitel, es verändert sich die Szenerie, es treten neue Charaktere auf, ein anderer Ton wird angeschlagen.