Der Schweizer Zeichner Hannes Binder wird von Kollegen "der schwarze Binder" genannt. Das ist nicht moralisch gemeint, sondern nur technisch. Binders Arbeiten wirken nämlich nicht, als entstünden sie auf einem weißen Blatt Papier; man hat vielmehr den Eindruck, er schabe sie mit der Feder aus umfassender Schwärze heraus, er schürfe sein Licht aus der Dunkelheit wie aus taubem Gestein.

Jetzt hat Hannes Binder Eduard Mörikes Gedicht Um Mitternacht interpretiert, indem er es Zeile für Zeile in Zeichnungen übersetzt. "Gelassen stieg die Nacht ans Land", so fängt es bei Mörike an, doch bei Binder steigt die Nacht nicht huldvoll an Land (aus dem All, in den verblassenden Erdentag), sie mischt sich beiläufig ins amorphe Licht der Städte. Kein großer Auftritt: Die Nacht sickert nur noch ein.

Zur Zeile "Und kecker rauschen die Quellen hervor" malt Binder den Abendverkehr auf einer innerstädtischen Autobrücke, der rauschend über Dächer hingeht. Und bei "Doch immer behalten die Quellen das Wort" sieht man Stadtbewohner, schlaflos und voller Erwartung, wie sie in die Wogen der Nacht hinauslaufen. Hier lässt sich die Textur der modernen Nacht fühlen: ein aus Morgen und Mitternacht gemasertes, von Jalousien zerschlissenes Zwischending, kontrolliert von Neon, eingefasst in Glas und Beton, gebunden mit Abgas. Doch bei Hannes Binder gewinnt die Nacht ihren Zauber zurück. Seine Bilder lassen keinen Zweifel daran, dass am Ende die Dunkelheit siegt; bis dahin wird er mit großer Sorgfalt den einen Lichtstrahl suchen, der die Nacht zerteilt.