Es ist schwer, sich vorzustellen, allein auf der Welt zu sein. Man muss sich alle Menschen wegdenken. Was bleibt, sind das Individuum und seine Einsamkeit. So eine Versuchsanordnung ist eine brauchbare Ausgangslage für Literatur, das zeigen Robinsonaden oder zeitgenössische Romane wie Marlen Haushofers Die Wand oder Thomas Glavinics Die Arbeit der Nacht . Lesend können wir uns unseren Ängsten aussetzen, wissend, dass es ein Spiel ist.

Kinder sind mit Verlassensangst unmittelbarer konfrontiert. Sie müssen sich nicht alle Menschen wegdenken, für sie führt schon die Abwesenheit zweier Personen zum Gefühl größter Einsamkeit. Vater und Mutter aber sind immer wieder zeitweise weg, und ob ihr Versprechen, wiederzukommen, hält? So kann ein Szenario, das in der Literatur für Erwachsene in eine Endzeitvision mündet, im Kinderbuch durch einen kleinen Irrtum ausgelöst werden – und vorübergehend sein. Davon erzählen Ulf Nilsson und Eva Eriksson in ihrem neuen Kinderbuch. Im Kindergarten wird die Uhr gelernt. Der namenlose Held und Icherzähler liest die Uhrzeit falsch ab und meint, er hätte schon abgeholt werden müssen. Also verschwindet er aus dem Kindergarten nach Hause, wo er vor verschlossener Tür steht. Sein naheliegender Gedanke: "Bestimmt waren meine Eltern tot."

Er setzt sich auf die Treppe und weint: "Das war sehr traurig. Ich war noch nicht mal sechs Jahre alt und schon ganz allein auf der Welt."

Der Rest der Geschichte ist aus seiner Sicht zwangsläufig: Er muss für seinen kleinen Bruder sorgen. Er schleppt ihn in den Garten hinterm Elternhaus, dort bauen die beiden eine Hütte aus Brettern, aus Laub wird ein Bett gemacht, eine Schachtel dient als Fernseher, vom Nachbarn holen sie die Zutaten für einen Kuchen. Dass der Teig roh gegessen werden muss, ist schade, aber so ist es halt.

Nilsson erzählt knapp, lakonisch fast, und bleibt dabei immer im Erlebnishorizont des Jungen. Daraus entwickelt sich eine Menge Situationskomik, andererseits wird der Ernst der Lage nicht verspielt. Eva Eriksson unterstützt mit ihren Buntstiftzeichnungen beides: Sie zeichnet so traurige Bilder wie jenes vom Jungen, der in einer roten Weste in einer fast farblosen Herbstlandschaft auf den Stufen vor dem Haus sitzt. Und fröhliche, auf denen man sie Teig schlecken sieht. Mit kleinen Strichen wird die Gefühlslage der Kinder vermittelt.

Am Ende sind die Eltern wieder da. Abends haben sie die Jungen in ihrer Hütte, kurz bevor die Situation kippt, gefunden. Den emotionalen Überschwang der Eltern lassen die Kinder über sich ergehen: "Mama und Papa versuchten uns zu umarmen. Aber ich und mein Bruder waren beschäftigt. Wir guckten fern. Wir lachten. Ich aß mein Brot. Und mein kleiner Bruder rülpste."

Das schwedische Kreativpaar Nilsson und Eriksson beweist nach Die besten Beerdigungen der Welt und Als Oma seltsam wurde wieder seine Kunst in der Literatur für kleinere Kinder. Das Schwere des Kinderlebens erzählen, ohne es auf die leichte Schulter zu nehmen, das macht ihnen kaum jemand nach.