Am 9. November, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, dem 71. Jahrestag der Reichskristallnacht, dem 91. Jahrestag der Novemberrevolution, ist der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész 80 Jahre alt geworden. Es ist erst dreizehn Jahre her, dass in Deutschland mit seinem Roman eines Schicksallosen alles noch einmal von vorn anfing. Das schmale Buch, vor Jahren schon einmal von der literarischen Öffentlichkeit unbemerkt im Ostberliner Verlag Rütten & Loening erschienen, kam damals im Rowohlt Berlin Verlag, von Christina Viragh neu übersetzt, in Deutschland heraus und wurde an einem schönen Sommerabend im Literarischen Quartett von Marcel Reich-Ranicki fast so gelobt wie Xavier Marias Roman Mein Herz so weiß . Und plötzlich war es so, als wäre alles Reden über die Vor- und Nachteile saisonaler literarischer Kleidermoden noch einmal auf null gestellt.

Ein Buch wie dieses hatte man bis dahin noch nicht gelesen, und es sprengt bis heute alle literarischen Codes. Was ist das? Warum ist dieses Buch über einen ungarischen Jungen, der Auschwitz überlebt hat, viel mehr als nur ein gutes Buch? Warum verblasst neben ihm noch immer jede tagesintellektuelle Debatte wie die jüngste über bürgerliche Mildtätigkeit versus Steuerpflicht und schrumpft zusammen auf eine Disputatio erfolgsverwöhnter Spitzendenksportler?

Noch immer fehlen uns die Begriffe, um zu fassen, welche Revolution von diesem Buch ausgegangen ist und welche Langzeitfolgen es noch immer nach sich zieht. Und weil man dem Geheimnis dieser Wirkung hinterherbuchstabiert, als gelte es, das Alphabet der Literatur neu zu erlernen, hat der ungarische Philosoph und Literaturwissenschaftler László F. Földényi zum 80. Geburtstag von Imre Kertész ein Wörterbuch von A wie Absurd bis Z wie Zoll verfasst, das eine erste, umfassende Kertész-Weltdeutung in über hundert Begriffsscherben ist. Kein Buch für Kertész-Einsteiger, aber ein Höhepunkt für Kertész-Erschütterte. Selten ist so konzentriert und unprätentiös formuliert worden, warum das Werk von Kertész nicht nur ein weiterer edler Tropfen im Fluss der literarischen Mentalitäten und Moden, sondern ein Staudamm ist, an dem die Nachkriegsliteratur nicht vorbeikommt.

Das liegt – es ist oft gesagt worden, aber nie so unumwunden wie von Földényi – nicht an der besonderen literarischen Brillanz dieses Werkes, sondern im Gegenteil im demütigen und schockierenden Verzicht auf jede literarische Brillanz. Damit steht das Werk von Imre Kertész, das keinerlei saisonale Themenwitterungsbetriebsamkeit entfaltet, sondern Auschwitz als dem einzigen, unerschöpflichen und unbegreiflichen Lebensthema von Anfang bis Ende verpflichtet ist, quer zu einer Literatur, die sich zu schmücken versteht, die Eindruck machen und Gefühle erwecken möchte. Und es verletzt, bei aller Bewunderung, die ihm entgegengebracht wird, durch seine Schmucklosigkeit noch immer einen Konsens, der literarische und rhetorische Brillanz für so wertbeständig wie Omas Tafelsilber hält.

Dass Imre Kertész der Mann war, solche Verträge zu kündigen, ergibt sich aus seinem Leben. Im Jahr 1944 wird er aufgrund seiner jüdischen Herkunft in der Straßenbahn verhaftet, gerade 15 Jahre alt, und nach Auschwitz und Buchenwald deportiert. Am 11. April 1945 wird er befreit und kehrt nach Budapest, aber nie wieder in die Normalität zurück. Sein Leben im Stalinismus erscheint ihm als zweite Lagerhaft. Jahrzehntelang verschließt er sich in einem winzigen Zimmer, auf der Suche nach einer Sprache für Auschwitz jenseits der amtierenden Literatursprachen.

Diese waren weder im Osten noch im Westen so erschüttert, wie manchmal behauptet wird. Der Konsens über die Weiterverwendung einer literarischen Vor-Auschwitz-Sprache hat – ungeachtet der Reden vom "Kahlschlag" und der "Stunde null" – selbst in der sogenannten Lagerliteratur nie ernsthaft Schaden genommen. Man mag gelegentlich darüber streiten, ob die obszön-pornografische Ausmalung des Grauens oder die süßliche Poetisierung der Entbehrungen in diesem oder jenem Roman über die Vernichtung gelingt oder scheitert – das Verfahren der Überhöhung und Metaphorisierung als solches stand nie infrage. Adorno hatte eben nicht recht, als er behauptete, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben. Die Dichter haben es widerlegt. Kertész beziehungsweise sein Interpret Földényi wiederholt diese haltlose These nicht, sondern modifiziert sie: "Nach Auschwitz lässt sich nur noch in einer atonalen Sprache authentisch schreiben."

Diese Atonalität ist der Schlüssel, um die Magie von Kertész zu verstehen. Sie ist mehr als nur eine Schreibweise. Sie ist Denkweise, Lebensweise, Geschichtsauffassung und Erlösungshoffnung in einem. Sie ist Kertész’ Lehre aus Auschwitz und seine bahnbrechende Erneuerung der literarischen Perspektive, der man sich, einmal in ihren Bann geraten, nicht mehr entziehen kann. Das Wort Atonalität hat Kertész sich bei Adornos Lieblingskomponisten Schönberg entliehen. Im handwerklichen Sinn ist sie eine literarische Diät, zu der Kertész erste Anregungen im Fremden von Albert Camus gefunden hat, auf den er zufällig stieß, nachdem er jahrelang vergeblich nach dem ersten Satz für sein Auschwitz-Buch gesucht hatte, diesen für ihn "einzig möglichen Roman". Das war ungefähr 1960. Kertész hatte bereits zur Daseinsvorsorge eine kleine Karriere als Unterhaltungs- und Lustspielschreiber hinter sich. Nun war er auf der Suche nach dem Ton, der all das Gerede, die Anklagen, das Pathos und die Pseudopoesie verschwinden ließe, die sein unbeschreibliches Erlebnis, als 16-jähriger Junge Auschwitz überlebt zu haben, zuquatschen, zudichten und verfälschen würden. Er hört den ersehnten Ton zum ersten Mal in einem beiläufig aufgeschnappten Satz: "Ich habe Futterrüben mehr gemocht als Zuckerrüben." Und da war sie, die neue Sprache. Eine Sprache ohne Gefühl, denn die Gefühle waren verraten worden. Eine Sprache ohne Blumen und Engel, den diese gehörten in die Gutenachtgebete der Verfolger. Eine Sprache ohne Eigenschaften, denn Eigenschaften hatten am Ende nur noch die Mörder. Manchmal machte er beim Schreiben zwischen zwei Kapiteln zwei Jahre Pause.