Was sind knapp zwanzig Jahre, wenn es um die Lagerung von Atommüll geht, der noch Jahrmillionen strahlen wird? In neun Jahren, spätestens, fällt die Entscheidung. Die Bauzeit dürfte gut zehn Jahre betragen, dann kommt das Zeug unter die Erde, gleich nebenan.

Wäre dies der norddeutsche Landkreis Lüchow-Dannenberg, nahe der Endlagerforschungsstätte Gorleben, dann würde die Volksseele kochen. Plakate, Demonstrationen, Blockaden allenthalben! Hier aber hat sich die örtliche Bürgerinitiative vor vier Jahren aufgelöst. "Am Schluss waren wir noch vier Leute mit zusammen 250 Jahren auf dem Buckel", sagt Bernd Friebe, ein im langen Kampf ergrauter Mathematik- und Physiklehrer. Gerade mistet er seinen Dachboden aus: Verstaubte Aktenordner aus wilderen Tagen. "Harrisburg ist überall" steht auf vergilbten Flugblättern – genau dreißig Jahre ist der Störfall im Kernkraftwerk Three Miles Island in Pennsylvania nun her. Auf anderen Blättern prangt die gute alte "Atomkraft? Nein Danke"-Sonne. "Die gibt es jetzt ja wieder", sagt Friebe.

Waldshut, am äußersten Südzipfel Baden-Württembergs gelegen, ist ein Gegenbild zum überschäumenden Protest um Gorleben. Das mag daran liegen, dass die Atomanlagen, um die es hier geht, zwar in unmittelbarer Nachbarschaft, aber unerreichbar jenseits der Schweizer Grenze stehen. Aber es liegt mit Sicherheit auch an der transparenten, nachvollziehbaren Vorgehensweise der Schweiz bei der Suche nach einem geeigneten Standort für ihr Atommüllendlager. Selbst Greenpeace-Campaigner Urs Wittwer in Zürich nennt das Auswahlverfahren der Schweiz "recht vernünftig", wenngleich seine Organisation Atomkraftwerke und das geplante Lager für deren Abfall natürlich strikt ablehnt.

Wie die deutschen Nachbarn suchen auch die Schweizer seit 30 Jahren nach geeigneten Orten, um ihren Atommüll sicher zu entsorgen. Mitte der neunziger Jahre hatte die Nagra, die von der Schweizer Atomindustrie und dem Bund getragene Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, quasi im Alleingang den Wellenberg in der Zentralschweiz als unterirdische Atommüllkippe ausgeguckt – eine Vorgehensweise, die den deutschen Gepflogenheiten jener Zeit entspricht. Doch in der plebiszitär verfassten Schweiz genügten zwei kantonale Referenden, beschlossen 1995 und 2002, um das Projekt zu Fall zu bringen. Die Endlagersuche begann von Neuem. Und 2008 schafften die Schweizer, woran Sigmar Gabriel als Umweltminister der Großen Koalition ebenso gescheitert war wie vor ihm zwei rot-grüne Regierungen: Der Bundesrat gab grünes Licht für ein "ergebnisoffenes", dreistufiges Auswahlverfahren mit umfangreicher Beteiligung der Öffentlichkeit. Bis 2018 soll der sicherste Platz für je ein Endlager für schwach- und mittelaktiven sowie hochaktiven Müll bestimmt werden.

Benken heißt der Ort im Züricher Weinland, der gegenwärtig als der wahrscheinlichste Standort gilt. Ein beschauliches Nest in der Südschweiz mit knapp tausend Einwohnern, nahe der deutschen Grenze und nicht weit von Schaffhausen mit seinem berühmten Rheinfall gelegen. Einen halben Kilometer unter der Gemeinde hat die Nagra eine mehr als hundert Meter dicke Schicht Opalinuston gefunden, welche die strahlenden Hinterlassenschaften der Schweizer Atomindustrie auf unabsehbare Zeit sicher von der Sphäre des Lebens abschließen soll.

Kein Protestplakat, keine aufrüttelnden Graffiti an den Häusern stören die saubere Idylle Benkens. Dabei ballen sich im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet die Atomanlagen wie an kaum einem anderen Ort in Europa. Fast in Sichtweite liegen das Kernkraftwerk Leibstadt am Rhein, die beiden Blöcke des KKW Beznau an der Aare, unweit ihrer Mündung in den Rhein, sowie der Versuchsreaktor der Kernforscher vom Paul Scherrer Institut in Würenlingen. Dazu kommt noch das nahe bei dem Institut gelegene Zwischenlager für abgebrannte Kernbrennstoffe, das einzige in der Schweiz. Vom "Atomklo am Hochrhein" spricht Axel Mayer, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt- und Naturschutz in Freiburg – so redet man in Deutschland.