Die verschränkten Hände, die an die Zwangsvereinigung von KPD und SPD erinnern, sind kaum mehr zu erkennen, doch der Schriftzug darüber ist noch deutlich lesbar: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Unübersehbar prangt es auf dem trutzigen Backsteinturm des Brandenburger Landtags, das Emblem der SED, halbherzig unkenntlich gemacht, Mahnmal für die einen, Provokation für die anderen. "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen", hat Matthias Platzeck die Schriftstellerin Christa Wolf dieser Tage zitiert. Und weil das so ist, hat der brandenburgische Ministerpräsident einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, als er sich jetzt, 20 Jahre nach dem Mauerfall, entschied, künftig mit der Linkspartei zu regieren, obwohl er das auch weiterhin mit der CDU gekonnt hätte.

Im zweiten Stock des Landtags sitzt die Frau, an der sich die Empörung vor allem entzündet. Und deren Biografie die Frage aufwirft, wann die Vergangenheit vergangen sein kann und wie sich persönliche Schuld und politische Verantwortung vertragen: Kerstin Kaiser, 49 Jahre, Fraktionschefin der Linken. Eine auffallend schöne und sympathische Politikerin mit einer unschönen Vergangenheit. In den achtziger Jahren während ihres Auslandsstudiums in St. Petersburg, damals Leningrad, hatte Kaiser als inoffizielle Mitarbeiterin "Kathrin" im Auftrag der Stasi Kommilitonen bespitzelt. Das alles ist lange bekannt, 1994 musste die Diplom-Slawistin deshalb ein Bundestagsmandat zurückgeben. Die Brandenburger haben sie danach dreimal direkt mit großer Mehrheit in den Landtag gewählt. Trotzdem hat Kaiser jetzt auf ein Ministeramt in der Regierung verzichtet, die sie als Spitzenkandidatin und Verhandlungsführerin in den Koalitionsgesprächen erst möglich gemacht hat. Keine IM am Kabinettstisch, das war eine Bedingung der SPD – und Kaisers symbolische Konzession, denn als Fraktionschefin darf sie erstens jederzeit am Kabinettstisch Platz nehmen und ist zweitens in einer für die Regierung zentralen Position.

"Ich bedaure es, benutzbar gewesen zu sein", sagt Kerstin Kaiser

Nein, sagt Kaiser, schwergefallen sei ihr das nicht. "Erst das Land, dann die Partei", diese Parole der Demonstrationen vor 20 Jahren hat sie den Delegierten ihrer Partei ins Gedächtnis gerufen, um für Zustimmung zu einem Koalitionsvertrag zu werben, der für die Linke einiges an Zumutungen beinhaltet. Dieser Satz gelte auch für sie selbst. Wenn ihr etwas schwerfalle, sagt Kaiser, dann, "dass immer wieder dieser Maßstab an mich angelegt werden kann, dass ein Teil meiner Biografie herausgelöst wird und allmächtig dasteht". Sie hat eine Umkehr vollzogen, äußerlich wie innerlich, soweit man das beurteilen kann.

1988 stellte das Ministerium für Staatssicherheit laut Aktenlage die Zusammenarbeit ein. Nach 1994 hat Kaiser nach eigener Aussage alle Betroffenen persönlich angesprochen und sich entschuldigt, die meisten hätten die Entschuldigung angenommen. Sie schäme sich und bedaure es, als IM gearbeitet zu haben, das hat sie oft gesagt, ihren Kindern, ihren Freunden, auch öffentlich. Was genau bedauert sie? "Ich bedaure es, benutzbar gewesen zu sein. Ich bedaure es, meine eigenen menschlichen Maßstäbe verletzt zu haben, um dem Staat zu nutzen."

Im Laufe der Zeit hat sich das Entschuldigungsmuster anderer IM von "Ich habe keinem geschadet" zu "Das alles ist so lange her" geändert. Kerstin Kaiser sagt keinen der beiden Sätze. Als sie sich für die Stasi verpflichtete, war sie 18 Jahre alt. Kaiser sagt, sie hätte trotzdem erkennen müssen, dass es falsch war. Ist es also gerecht, dass sie heute dafür einen Preis bezahlen muss? Gerechtigkeit, sagt Kaiser, sei keine Kategorie, die ihr in dem Zusammenhang einfalle, da doch so vielen Opfern der DDR-Diktatur bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren sei. Es ist der starke Kontrast, der den Fall Kaiser exemplarisch macht für den schwierigen Umgang mit der DDR-Vergangenheit. Was wiegt schwerer: die besondere Hässlichkeit des damaligen Handelns oder die ungewöhnlich selbstkritische Art, heute damit umzugehen? Kaiser verlangt nicht, dass ihr Handeln damals milde beurteilt wird – sondern, dass man aus ihrer Selbstkritik Schlussfolgerungen zieht, dass es einen Unterschied macht, dass sie umgedacht hat.

Es ist schwierig, rote Linien zu ziehen, denn so wie sich in den Erklärungen früherer Täter taktisches Geschick und echtes Bedauern zuweilen vermengen, so mischen sich auch in den Reaktionen auf die Regierungsbeteiligung der Linken persönliche Verletzungen mit historischen Vorbehalten und inszenierter Empörung.

Für die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit interessieren sich laut Umfragen nur etwa zehn Prozent der Bürger in Brandenburg, einem Land mit elf Prozent Arbeitslosen und ungefähr viermal so vielen Nichtwählern, dem einzigen Bundesland, das erst 20 Jahre nach dem Mauerfall einen Stasi-Beauftragten einsetzt, einem Land, das von Manfred Stolpe, alias "IM Sekretär", als "kleine DDR" regiert wurde und in dem das Augen-zu-Prinzip quasi zur Staatsräson gehörte. Kein Wunder also, wenn sich die Linken wundern, dass ihr Einzug in die Landesregierung nun als "Geschichtsvergessenheit ohne Beispiel" (der SPD-Bürgerrechtler Stefan Hilsberg) oder schlicht "Schande" (Wolfgang Schäuble) gebrandmarkt wird.