Dem Agitprop-Genie Michael Moore ist etwas passiert, was einem Dokumentarfilmer niemals passieren darf: Man glaubt ihm nicht mehr so recht. Wenn er in flammender Rede große Skandale enthüllt, wenn er – wie in seinem letzten Film Sicko – von Menschen erzählt, die nur deshalb sterben, weil das reichste Land der Welt kein anständiges Gesundheitssystem besitzt, dann bleibt ein zäher Zweifel. Stimmt das alles? Oder lässt Moore seine Bilder und Zahlenkolonnen solange marschieren, bis die Wahrheit zu Kreuze kriecht?

Michael Moore hatte in Sicko nichts Falsches gesagt, aber der Verdacht blieb. Diesmal, in den Begleitinterviews zu seinem neuen Film, hebt der Übertreibungskünstler die Hand zum Schwur. In Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte behaupte er nur Dinge, die sich durch mindestens drei Quellen belegen ließen. Aber was sollte Moore hier auch groß erfinden? Der Untergang der Wall Street ist unglaublich genug, und die Tatbeweise liegen buchstäblich auf der Straße. So wird in den USA alle 7,5 Sekunden ein Haus gepfändet, weil der Besitzer die Kredite, die ihm die Finanzhaie aufgeschwatzt haben, nicht mehr bedienen kann. Wer sich weigert, sein Haus zu verlassen, dem tritt die Polizei die Türen ein, und dann sitzt eine Familie im Handumdrehen mit Sack und Pack im Freien, während Immobilien-Geier und Schnäppchenjäger schon gierig um die Beute kreisen.

Natürlich ist die Polizei im Recht, aber dieses Recht ist für Moore legalisiertes Unrecht, ja mehr noch: Es ist eine Schande für sein Land. Denn der Crash des Immobilienmarktes war kein Schicksal, sondern die Folge politischer Deregulierung. Alle Regierungen, auch die Demokraten, haben dem Finanzmarkt solange das Mieder gelockert, bis diese Katastrophe passieren musste.

Mit Ronald Reagan fing es an, mit George W. Bush fand der kapitalistische Exzess sein vorläufiges Ende. Bush ist für den linken Patrioten Michael Moore die kleine, jämmerliche Fußnote im stolzen Buch der US-Präsidenten, ein verschlagener Geselle, der auch dann noch den Kapitalismus als beste Erfindung aller Zeiten rühmt, als schon Tausende auf der Straße sitzen. Einmal hält Bush in Finanzkreisen eine Rede, und ein Börsen-Guru raunt ihm zu, er möge sich sputen, die Zeit sei knapp. Man lacht über die Szene, wie es überhaupt in diesem Film viel zu lachen gibt. Wenn die Broker dem Präsidenten schon die Redezeit vorgeben – was diktieren sie ihm noch alles in die Feder?

Immer wieder ist es die Wall Street, die sich den Staat zur Beute macht. Mit diebischem Vergnügen zeigt Moore, wie eine Investmentgesellschaft private Strafanstalten baut und mit ihrer Lobby dafür sorgt, dass im Gegenzug das "teure" staatliche Gefängnis geschlossen wird. Dann bestechen die Investoren einen Richter und versprechen ihm eine Prämie für jeden Bürger, den er hinter ihre Gitter bringt. Und siehe da – wie von Geisterhand füllen sich die Knäste. Der Staat zahlt, die Investoren kassieren und die Gesellschaft liefert die "Verbrecher".

In seinen pamphletistischen Spots beschwert sich Moore aber nicht nur darüber, dass die Reichen den Hals nicht voll bekommen, während die Armen zuverlässig arm bleiben. Was ihn auf die Palme bringt, ist die politische Macht des Kapitals, sein Einfluss auf die Gesetzgebung. Moore zitiert aus dem internen Bericht einer Bank, die die USA als "Plutokratie" bezeichnet und vor dem Aufstand der Massen warnt. Im Abspann folgt dann passgenau der berühmte Satz von Warren Buffett, dem gerissensten Investmentbanker aller Zeiten: "Es ist Klassenkampf, und meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht."

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte ist gewiss nicht Michael Moores bester Film. Das Thema ist für ihn einige Schuhnummern zu groß, vieles purzelt wild durcheinander, und recht wahllos nestelt der berühmte Witzbold mal an diesem, mal an jenem Handlungsstrang. Aber wie Moore die Finanzkapitalisten vorführt, das ist doch ziemlich komisch. Zum Beispiel, wenn er sich breitbeinig in die Wall Street stellt und all die tollen Kerle fragt, wo denn das viele Geld geblieben sei. Genüsslich führt er vor, wie selbst Topökonomen, The Best and the Brightest, ihm nicht erklären können, was ein Derivat ist, und genüsslich streut er Salz in die Wunde der neoliberalen Märchenerzähler, die den Bürgern einst weismachten, sie müssten heute den Gürtel enger schnallen, damit ihnen morgen die Sterntaler in die Schürze fallen. Was passierte? Nun retten die armen middle-class people mit ihren Steuergeldern die Märchenerzähler vor deren Untergang.