Die schwindelerregend bezaubernde Installation Jupiter im Oktogon empfängt uns gleich am Eingang: ein rundes Becken mit einer beweglichen Spiegelscheibe darin, in der wiederum in zwölf Meter Höhe angebrachte kleinere Spiegel, von denen sich einer um den anderen dreht, den Glanz der reich verzierten goldenen Achteck-Kuppel reflektieren. Wenn wir unseren Kopf vornübersinken lassen, sehen wir nicht nur das eigene, jetzt doppelkinnbewehrte Gesicht, sondern dessen verwirrende Vervielfachung in kaleidoskopartig funkelnder Umgebung.

Aufgekratzte Schwerelosigkeit umfasst uns, und so steuern wir beschwipst den ersten Saal des Museums an, wo eine weitere wundersame Gerätschaft auf uns wartet, auch diese von Rebecca Horn. Beunruhigender Motorenlärm begleitet den Sonnengruß ihrer Pfauenmaschine, die sich alle Zeit der Welt nimmt, um ihren majestätischen Stahlfächer zu senken und zu heben, zu senken und zu heben.

Vor zwei Jahren wurde die Künstlerin mit dem Jawlensky-Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden ausgezeichnet. Aus ihrer damaligen Einzelausstellung stammt auch ihre Installation Brennender Busch: lodernde Kupferrohr-Flammen und kleine Kohlestückchen, die den nötigen Fantasieantrieb besorgen. Unheilverkündende Geräusche ziehen uns da schon in eines der Seitenkabinette, wo sich Der Transsib.-Prospekt von Jochen Gerz ausbreitet. 16 Stühle, im Quadrat angeordnet, jeweils mit einer Schieferplatte davor, und unheimliches Rattern versetzen einen in Unruhe, die sich dann beim Anblick von Eva Hesses poetischen Wachsgespinsten in schönstem Nichts auflöst.

Solche Wechselbäder beschert das Museum Wiesbaden reichlich. Die beiden Seitenflügel des neoklassizistischen Gebäudes an der Friedrich-Ebert-Allee werden derzeit zwar noch saniert, aber davor thront seit eh und je Johann Wolfgang von Goethe als muskelbepackter und waschbrettbauchiger Granitübervater, mit Adler unterm nackten Arm. Nicht ohne Grund hockt der Alte dort, war er es doch, der seinen Freund, den Privatsammler Johann Isaak von Gerning, anregte, seine Werke dem Herzogtum Nassau zur Verfügung zu stellen. Aus drei Museen, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden, wurde später ein Museum mit drei Abteilungen. Nach dem Abschluss der Sanierung im Frühjahr 2011 verbleiben noch die Kunstsammlung und die naturwissenschaftliche Sammlung. Die Sammlung Nassauischer Altertümer soll Platz in einem noch nicht gebauten Stadtmuseum finden.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/​Bongarts/​Getty Images

2007 wurde das Museum Wiesbaden von der deutschen Sektion des Kunstkritikerverbandes zum Museum des Jahres gekürt. Zu unserem Glück begegnen wir dennoch keiner Menschenseele in diesem wunderbaren Haus, abgesehen vom wachenden Personal. So haben wir den Platz vorm Fernseher für uns ganz allein. Dort läuft die grandios kindsköpfige Versuchsanordnung Der Lauf der Dinge von Peter Fischli und David Weiss. Und wie immer überfällt uns augenblicklich der Wunsch, uns bäuchlings davorzufläzen. Witzloserweise läuft das Ganze in Wiesbaden ohne Ton. Bevor uns das weiter stören könnte, sind wir aber schon auf dem Sprung in die oberen Stockwerke des Hauses, das auch mit seinem abwechslungsreichen Grundriss betört: Nischenkleine und tanzsaalgroße, kühle und ausgeschmückte, erhabene und geduckte Räume wechseln sich ab. Allein das feit vor Langeweile.

An Alexej von Jawlensky führt dabei kaum ein Weg vorbei; die Wiesbadener Sammlung ist die größte Europas und die zweitgrößte der Welt. Von 1921 bis zu seinem Tod 20 Jahre später lebte der russische Maler in der Stadt, wo er auch begraben liegt. Seine Dame mit Fächer und seine Frau mit der Stirnlocke grüßen als alte Bekannte von den Wänden, während sich seine mit expressiven Strichen auf die Leinwand gebannten Meditationen abschreiten lassen wie eine Parade unerhörter Versunkenheit. Derart ruhiggestellt, wagen wir dann, bevor wir uns auf den Heimweg machen, noch einen Blick in Rebecca Horns Spiegelrund unterm Eingangsoktogon und kippen für einen weiteren herrlichen Moment aus der Welt.