Sein erstes Interview als Minister – Norbert Röttgen gibt sich aufgeräumt, ja fröhlich. Sein Ministerium hat Gewicht in der neuen Regierung, weil seine Themen wichtig sind – diesen Eindruck vermittelt er überzeugend. Umweltminister können viel gestalten, Röttgen ist nicht der Erste, der sich als Neuling im Amt für dessen Möglichkeiten begeistern kann. Allen seinen Vorgängern erging es anfangs so. Einschließlich Angela Merkel.

Die ZEIT: Herr Röttgen, Sie gelten als Vertrauter der Bundeskanzlerin, und Ihre Berufung zum Umweltminister ist deshalb auch als Signal interpretiert worden: Bekommt die Umweltpolitik für die Union eine neue strategische Bedeutung?

Norbert Röttgen: Meine Ambition für das Amt – und sicher auch die der Kanzlerin – definiert sich zunächst aus der Sache und nicht aus parteipolitischen Erwägungen heraus. Die Umweltpolitik gehört zum Neustart dieser Regierung. Dass diese Aufgabe von einem Unionspolitiker wahrgenommen wird, bedeutet aber auch, dass die Umweltpolitik künftig zum Kern und zur Grundprogrammatik der CDU werden soll.

ZEIT: Das war bislang nicht der Fall?

Röttgen: Auf dem Gebiet der Umweltpolitik kann man tatsächlich von einem biografischen Widerspruch der CDU sprechen. Eigentlich gehören die Bewahrung der Schöpfung und die ökologische Modernisierung unserer Lebensweise mit marktwirtschaftlichen Mitteln zur moralischen und ordnungspolitischen Grundausstattung der CDU. Und trotzdem haben wir in den 1970er Jahren den Sprung verpasst, das angemessen in unsere Programmatik aufzunehmen. Heute sind wir an dem Punkt, an dem wir die ökologische Orientierung, die schon immer zur Union gehört, ins Zentrum unserer aktuellen Politik rücken.

ZEIT: Haben Sie, hat die CDU einen anderen Zugang zur Umweltfrage als Ihr sozialdemokratischer Amtsvorgänger?

Röttgen: Zur Erfolgsgeschichte der Umweltpolitik in Deutschland gehört, dass sie heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Sie gehört zum politischen Konsens des Landes. An diesem Erfolg waren mehrere Parteien beteiligt, aber trotzdem ist Umweltpolitik kein Konsenssoßenthema. Nach wie vor konkurrieren auf diesem Feld unterschiedliche politische Ansätze. Die Umweltpolitik der Union ist im christlichen Schöpfungsgedanken fundiert. Dass das in der SPD alle so sehen, glaube ich nicht. Auch das Verhältnis von Markt und Ökologie wird von uns überzeugender vertreten. Abgesehen davon, dass die Bewahrung der Umwelt einen Selbstwert hat, sage ich sehr offensiv, dass der Umwelt- und Klimaschutz auch eine zwingende Herausforderung für die ökonomische Modernisierung des Landes darstellt.

ZEIT: Warum hat dann die Union nicht dafür gesorgt, die Bekämpfung der Finanzmarktkrise besser mit der Bekämpfung der Ökokrise zu verbinden?

Röttgen: Lassen Sie mich so antworten: Ich habe vor, das zu tun, und ich bin in dieser Hinsicht sehr zuversichtlich. Denn wir haben bei der Bekämpfung der Finanz- und Wirtschaftskrise erlebt, wie groß die Bereitschaft ist, umzusteuern, wenn man einen Schritt vor dem Abgrund steht. Warum sollten wir bei der Bekämpfung der ökologischen Krise nicht zu ähnlichen Anstrengungen in der Lage sein?

ZEIT: Sie haben auf dem Höhepunkt der Finanzkrise funktionsfähige Kapitalmärkte als öffentliches Gut bezeichnet und damit die Begründung für die milliardenschwere Staatsintervention geliefert. Wo liegt die Parallele zur ökologischen Krise?

Röttgen: Die natürlichen Lebensgrundlagen sind ein Menschheitsgut. Auch vor dem Hintergrund der Erfahrung mit dem Finanzmarktkollaps ist klar, dass wir die Gefährdung dieses Gutes niemals zulassen dürfen. Genau das droht aber, wenn wir uns nicht zu einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise entschließen. Die Finanzmarktkrise ist schließlich das Produkt eines Exzesses der Kurzfristigkeit und einer groben Verletzung der Nachhaltigkeit.