Er hatte sich das ganz anders vorgestellt. Erst 2012 oder 2013 sollte Schluss sein mit der Politik. Dann wollte Georg Milbradt als Ministerpräsident zurücktreten und Platz für Stanislaw Tillich machen. Doch die Affäre um die Sächsische Landesbank machte den Plan zunichte. Der Ausstieg aus der Politik kam abrupt, zwar durch eigene Entscheidung, doch von den Umständen erzwungen. Was tut ein Mann, der sechs Jahre lang Regierungschef und zuvor fast elf Jahre lang erfolgreicher Finanzminister war, der Macht hatte, der hofiert wurde? Nicht in Trübsal versinken, weder mündlich noch schriftlich über alte Zeiten schwadronieren – auch wenn der Abschied Narben hinterlassen hat und Milbradt nie ganz von der Politik lassen wird.

Im Juli 2008, wenige Wochen nach dem Rücktritt, nimmt Milbradt Quartier in einem Studentenwohnheim in Krakau ("mitten im Geschehen") und lernt sechs Wochen lang intensiv Polnisch. Noch als Premier hatte er zuvor mit seiner Frau in einem dreiwöchigen Urlaub erstmals intensiv die Sprache gebüffelt, im September 2008 folgt der nächste Kursus, im Sommer 2009 noch mal sechs Wochen im ostpolnischen Lublin. Morgens vier Stunden Unterricht, nachmittags Vorlesungen über Kultur, Geschichte, Literatur, dann Konversation, anschließend Hausarbeiten. Einziges Privileg: Das karg-funktionelle Doppelzimmer – von 23 Uhr an herrscht Nachtruhe – darf er gegen Aufpreis allein benutzen.

Polen liegt Milbradt am Herzen, auch weil seine Familie aus Wongrowitz bei Posen stammt, das nach dem Ersten Weltkrieg an Polen fiel. Sein Vater nahm die polnische Staatsbürgerschaft an, weil er sonst sein Gut verloren hätte. Polnische Zeitungen kann Milbradt jetzt lesen und auch mit Polen Polnisch reden. Inzwischen auch mit Tschechen Tschechisch. Denn die Regierung des südlichen sächsischen Nachbarn hatte von seinen polnischen Lektionen erfahren und den Professor nach Prag zu einem Sprachkurs eingeladen.

Milbradts Sachverstand als Ökonomieprofessor und Finanzpolitiker ist weiterhin gefragt. Zwei große deutsche Unternehmen haben ihn in ihren Beirat berufen. Zwei zerstrittene Firmen engagierten ihn als Schiedsrichter, um einen millionenschweren Konflikt zu lösen, was ihm gelang. Für Studenten der Uni Münster und der TU Dresden gibt er Wochenendseminare. Dazu kommen immer wieder Vorträge im In- und Ausland.

Über den politischen Betrieb lässt sich Milbradt wenig entlocken. Schließlich zitiert er Theo Waigel, den früheren Bundesfinanzminister, der nach seinem Ausstieg aus der Politik gesagt habe: "Ich freue mich, dass ich nicht mehr für andere lügen muss." Milbradt sagt: "Für diesen Satz habe ich sehr viel Verständnis." Peter Christ