Mach es nicht, rieten seine Freunde, aber da stieg Tim Vollmer aus 67071 Ruchheim schon in das Auto mit dem fremden Kennzeichen. Die Sachsen hätten ihn mit abenteuerlichen Versprechungen gelockt, wird die Ludwigshafener Rundschau, seine Heimatzeitung, später schreiben. Sie hätten ihn 500 Kilometer weit fortgeschafft. Dass Tim nun sogar Mangel leiden muss, legt die Zeitung unter einem Foto des 20-Jährigen nahe. "Vermisst Leberwurst: Tim Vollmer", steht da. Es fehlt, anscheinend, im Osten noch immer am Elementaren.

Leipzig-Reudnitz, tief im Osten der Stadt. In der Stammstraße 3 pappt am Briefkasten ein Aufkleber, bunt wie Werbung für einen Asia-Imbiss: "Studieren in Fernost". Hier wohnen "Vollmer / Schumacher / Heinrich". Sie sind die "Abenteuer-WG". Drei westdeutsche Studenten. Abgeholt von zu Hause in einem grünen Trabant, L-EO-5678, sollen sie von hier aus anderen Westkindern erzählen: So schlimm ist es doch gar nicht! Dafür bekommen die drei ein Semester lang eine kostenlose Wohnung, voll mit teuren Mietmöbeln aus Echtholz. Nur die Nebenkosten zahlen sie selbst. Im Gegenzug sollen sie bloggen und Reportern erzählen, dass man im Westen immer nur Schlimmes über den Osten höre: Arbeitslose, Ödnis, Baustellen. Dass sie das aber nun, auf ihren Barhockern in der heimeligen Küche auf Westniveau, ganz unvoreingenommen richtigstellen könnten.

Die "Abenteuer-WG" der Leipziger Universität gehört zur nationalen Großkampagne "Studieren in Fernost". Erfunden hat sie die Werbeagentur Scholz & Friends im Auftrag der Kultus- und Wissenschaftsminister der fünf neuen Länder. Kultusminister Henry Tesch aus Mecklenburg-Vorpommern kommentierte neulich den Wert der Kampagne so: "Da ist nicht die akademische Schwere drin, die Uni-Werbung sonst häufig hat." Er verstand das als Lob.

Dabei ist die Frage, ob man solche Werbung wirklich nötig hat?

Es kommt tatsächlich ein Kampf auf die Hochschulen zu. Den Unis im Osten gehen bald die Bewerber aus, wegen der geburtenschwachen Jahrgänge verlassen hier immer weniger Abiturienten die Gymnasien. Im Westen sind die Hochschulen hingegen voll. Dorthin strömen in den kommenden Jahren doppelte Abiturjahrgänge aus den Schulen. Im Hochschulpakt 2020 haben sich die Ost-Unis deshalb verpflichtet, ihre Kapazitäten auf hohem Niveau zu halten – um den Strom jener Erstsemester aufnehmen zu können, die am Numerus Clausus in Hamburg, Köln oder Ludwigshafen scheitern.

Doch viele West-Abiturienten weigern sich, da mitzumachen. Nach einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung sind 60 Prozent der Schulabgänger in den alten Ländern nicht bereit, im Osten zu studieren. Anderen Umfragen zufolge ist die Unlust sogar noch größer. Allerdings können sich bis zu 80 Prozent der Abiturienten nicht einmal vorstellen, überhaupt fern der Heimat zu studieren. Viele wollen während der kompletten Uni-Zeit zu Hause bleiben. Studenten sind in der Regel nicht mobil.

Dennoch wird mit teurem Klamauk um sie geworben. In den Köpfen der Westdeutschen, so die Studien, sei der Osten auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch trist und braun.