Der Erinnerung ist manches möglich. Einst beschimpfte ich meine mäkelige Tochter, die mein Bauernfrühstück verschmähte. Undankbare Göre!, rief ich. Denk mal, wie ich aufgewachsen bin! Brennnesselsuppe musste ich essen nach dem Krieg! Darauf Sophie: Papa, krieg dich ein, das war dein Vater. Ich überlegte. Tatsächlich, sie hatte recht.

Umso exakter erinnere ich mich an den 4. November 2009. In Nacht und Regen stand ich an der Berliner Volksbühne vor einer riesigen Fernsehwand. Noch einmal erlebte ich den 4. November 1989, das Volksfest der ostdeutschen Revolution, die Halbmillionen-Demo auf dem Alexanderplatz, die 27 Wende-Reden. Die Menschenmasse war auf 18 wetterfeste Aufständische geschrumpft, sodass auf jeden heutigen Hörer anderthalb Redner von 1989 kamen. Wir schienen leicht gealtert, im Unterschied zu dem junglutherischen Friedrich Schorlemmer, der Mädchenfrau Marianne Birthler, dem schwarz behaarten Gregor Gysi. Christa Wolf predigte wider die Wendehälse. Stefan Heym rief: Welche Wandlung! Steffie Spira befahl dem Politbüro: Abtreten! Das Volk jauchzte, das Bild verlosch. Es war wieder Gegenwart, und Regen.

Und noch nicht Schluss. Gegenüber im Kino Babylon diskutierten einige der 89er-Redner: über unsere schöne friedliche Revolution, die mit dem Mauerfall zur Privatisierung überging. Schorlemmer und Gysi hatten nun doch an Jahren zugenommen, Birthler wollte nicht kommen – wohl, weil der Veranstalter Die Linke hieß. Die Parteien, deren Firmensitze mental im Westen liegen, verpennten das historische Datum. Dafür stand in der Süddeutschen Zeitung , Egon Krenz sei damals auf dem Alex ausgepfiffen worden. Zwar war er gar nicht dort, doch der Erinnerung ist manches möglich.