This is the way the world ends. Not with a bang but a whimper
T.S. Eliot

SPD: 23,0 Prozent. So lautet das amtliche Endergebnis der Bundestagswahl vom 27. September 2009 für Deutschlands älteste und traditionsreichste Partei. Dreiundzwanzigkommanull Prozent.

Trotz

Trauerarbeit leisten. Den Schmerz zulassen. Sich Zeit nehmen und eine Form finden, die Niederlage, nein, Demütigung zu verarbeiten. Verhindern, dass aus dem Schock des 27. September ein Trauma der deutschen Sozialdemokratie wird.

Heiko Maas sitzt an einem der Holztische im "Sport-Treff" des ATSV Saarbrücken und trinkt Bier, man redet darüber, wie die innerparteilichen Therapeuten den sozialdemokratischen Patienten wieder politikfähig machen wollen. Bei Trauerarbeit kräuselt der Vorsitzende der Saar-SPD die Stirn, bei Schmerz beginnt sich seine Stimmung im Zeitraffer zu verfinstern, bei Trauma platzt es aus ihm heraus: "Ich kann dieses Depressionsgeschwafel nicht mehr hören, diesen Blödsinn." Vor Selbstmitleid zerfließen, im Schmerz baden – ja, geht’s noch? Seine Diagnose: "Die Lage der SPD ist beschissen." Sein Rezept: "Wir müssen Schwarz-Gelb frontal und aggressiv angehen." Sein Medikament: der Trotz.

23 Prozent, das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer Bundestagswahl. Eine Zäsur, eine epochale Niederlage. Vielleicht die schlimmste in der 146-jährigen Geschichte der Partei. In den dunkelsten Stunden, der Zeit der Bismarckschen Sozialistengesetze und der Verfolgung durch die Nazis, waren Sozialdemokraten an Leib und Leben bedroht. Aber ihrer politischen Identität waren sie stets gewiss. Diese Selbstgewissheit scheint in den elf Regierungsjahren zwischen 1998 und 2009 verloren gegangen zu sein, in den zwei Amtszeiten des Kanzlers Gerhard Schröder, in den vier Jahren als Juniorpartner einer Großen Koalition.

Wofür steht die SPD im 21. Jahrhundert? Was ist ihr Alleinstellungsmerkmal? Wie können die Genossen wieder genesen?

Beim Parteitag in Dresden an diesem Wochenende wird die SPD eine neue Führung wählen. Antworten auf diese Fragen wird sie aber kaum finden. Dafür ist es noch zu früh. Vielleicht bekommt man ja eine Ahnung, wenn man sich den Überlebenskampf einer Volkspartei einfach mal vor Ort anschaut.

Trotz ist nicht die schlechteste Reaktion auf ein Desaster, spricht aus ihm doch Selbstbehauptungswille und Widerstandsgeist. Man findet ihn dort, wo man ihn nicht unbedingt vermutet hat, bei Heiko Maas und den Saar-Genossen. Ausgerechnet bei ihm, den sie schon fast als frisch gekürten Ministerpräsidenten einer rot-rot-grünen Koalition gefeiert hatten. Am Ende war Maas nicht Sieger, sondern Gedemütigter. Ein Wimmern dürfte man von ihm erwarten .

Wie bei einem Elfmeter sei es gewesen, sagt Maas. Er läuft an, der Torwart wirft sich früh in eine Ecke, er braucht den Ball nur noch einzuschieben – "und da pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab".

Maas lächelt süßsauer in sein Bierglas hinein und beschimpft dann Hubert Ulrich, den Chef der Saar-Grünen, der seinen Sieg vereitelte. Ulrich hatte Maas im Wahlkampf um eine Zweitstimmenkampagne angebettelt, um dann mit CDU und FDP eine Jamaika-Koalition einzugehen. Ein "extrem hohes Maß an Verlogenheit", faucht Maas. Man möchte nicht Ulrich sein, wenn Maas ihm begegnet.