Es geht um Grundsätzliches. Wozu sich überhaupt noch mit deutscher Klassik, mit Goethe und Schiller beschäftigen? Wozu mit Mäzenatentum und Steuergeldern zeit- und kostenaufwendig das Schiller-Nationalmuseum in Marbach renovieren, die Ausstellung neu aufbereiten, wie es gerade geschah? Für die letzten Bildungsbürger, denen die Lektüre des Faust und Schillers Glocke noch wohliges Vergnügen bereitet? Zur Beförderung zweckfreier Lust von Doktoranden an ihrer Forschung? Doch vor allem, möchte man meinen, weil im 18. Jahrhundert qua Literatur der Grundstein gelegt wurde für die menschenfreundlicheren Züge deutscher Geschichte, die auch noch heute nicht nur Philologen etwas angeht. Weil genau das, was in den Sonntagsreden zum Mauerfalljubiläum gepredigt wird, damals seinen Ursprung hatte: ein sich von den Ketten staatlicher Obrigkeit befreiendes Bürgertum, ein Gemeinschaftsgefühl unter dem Primat der Gleichheit und Freiheit, zelebrierte Brüder-, Schwesterlichkeit, Freundschaft. Das sind so die hehren Großbegriffe, die, obgleich nicht zuletzt in nationalistischer Hinsicht vielfach missbraucht, durchaus Zutreffendes umreißen.

Man hatte, vordergründig naheliegend, den Klassikern vorgeworfen, zur Entpolitisiertheit des Bildungsbürgertums beigetragen zu haben. Schillers Antwort auf die Französische Revolution war bekanntermaßen die "ästhetische Erziehung des Menschen" gewesen. Der Terror der Revolutionäre, Tumulte und eilig gezimmerte Guillotinen zeigten ihm "nicht freie Menschen, die der Staat unterdrückt hatte, nein, es waren bloß wilde Tiere, die er an heilsame Ketten legte".

Der Augenblick der Freiheit, so Schiller, traf den Menschen unvorbereitet, ihn gilt es, durch Kunst, durch Spiel zunächst zu veredeln. Erst der Homo ludens, vom Diktat der Nützlichkeit befreit, für Schönheit empfänglich, wird eines Tages für die Freiheit sittlich gerüstet sein. Die heranbrechende Moderne dagegen, die Schiller missmutig erblickt, ist eine der Arbeitsteilung, der Technik, der Wissenschaft, geprägt von Spezialistentum und "Maschinenwesen". Der Mensch, der Arbeit von Genuss säuberlich abtrennt, die Anstrengung von der Belohnung, ist nur noch "Abdruck seines Geschäfts". Der verstümmelte Mensch, der sich ihm in der Französischen Revolution offenbart, instrumentalisiert die Vernunft und etabliert seine Schreckensherrschaft.

Die in scheinbar weite Ferne entrückte politische Reife verbarg nur notdürftig, dass sich in Deutschland sehr wohl eine, wenngleich unblutige Revolution ereignet hatte. Sie lässt sich nicht in Jahreszahlen von Großereignissen angeben, sie verläuft mentalitätsgeschichtlich. Die Literatur nahm eine Nation vorweg, die es nicht gab. Bücher, nunmehr massenweise produziert, vereinten die durch schlammige Straßen getrennten Leser zu einer imaginären Gemeinschaft. Im Theater fanden die Stände, sich ihrer Herkunft emanzipierend, dann auch tatsächlich zueinander, hier erblickten sie einen Adligen, den eine bürgerliche Musikertochter entflammt (Kabale und Liebe), den Freiheitskampf der Schweizer (Wilhelm Tell), eine schottische Königin, die, innerlich geläutert, sich ihrer Hinrichtung fügt (Maria Stuart).

Innerhalb weniger Jahrzehnte schloss Deutschland an die Weltliteratur an

Die sich etablierende bürgerliche Gesellschaft hatte im Theater ihre "moralische Anstalt" gefunden, der Zuschauer sollte noch in den hässlichsten Intrigen der dargestellten Potentaten allgemein menschliche Züge erblicken. Die faktische Politik wurde damit von einer als universal gedachten Moral, die man auf der Bühne verhandelte, abgetrennt. "Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an", so Schiller, "wo das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt." Diese Entgegensetzung von moralischer Kunst und hässlicher Politik wirkte indirekt durchaus emanzipatorisch. Die Sittlichkeit, die man dem Privatleben eines jeden Einzelnen anempfahl, stellte umso heller die scheinbare Unmoral des von allerlei realpolitischen Zwängen bedrängten Herrschers heraus. Ausgerechnet die unpolitische Gesinnung der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrem Fetisch der Moral provozierte somit die Kritik an aristokratischer Staatsräson – wenngleich eine demokratische Verfassung noch lange auf sich warten ließ in diesem rückständigen deutschen Gebilde unzähliger Provinzen, das keine Großstadt hatte, kein intellektuelles Zentrum, dessen Wirtschaft unterentwickelt war, das aber innerhalb weniger Jahrzehnte Anschluss an die Weltliteratur gefunden hatte. Schiller sprach optimistisch von einer Kulturnation.

Man muss an diesen glühenden Kern deutscher Geistesgeschichte derart umständlich erinnern, weil die Ausstellung und das Museum, die es hier zu besprechen gilt, diesen nicht im Ansatz freilegen. Drei Jahre lang hatte man in Schillers Geburtsort Marbach das 1903 in historistischem Jugendstil erbaute und zwischenzeitlich arg heruntergekommene Schloss, das das Schiller-Nationalmuseum beherbergt, saniert. Mitgewirkt an dem Projekt haben unter anderem Ulrich Raulff, der Direktor des Literaturarchivs, Heike Gfrereis, die Museumsleiterin, und die Architekten des Büros David Chipperfield. Nun kann es gemeinsam mit dem benachbarten Literaturmuseum der Moderne wieder als einer der wichtigsten Erinnerungsorte deutscher Literaturgeschichte entdeckt werden.

Über eine fein geschwungene Treppe gelangt man sogleich ins Herzstück des Museums, in den einst mit Bildern und allerlei Exponaten bestückten Schillersaal, der nunmehr nahezu leer geräumt ist. Durch hohe Fenster erblickt man die heitere Weite der schwäbischen Landschaft. In der Mitte steht eine Vitrine auf Rollen, damit man sie, falls Veranstaltungen stattfinden, rasch wieder entfernen kann. Sie beherbergt Schillers kleine Bettklingel, die, so die Museumsleiterin, das eherne Lied der Glocke ironisch zu brechen vermag. Besser ist auch gar nicht auf den Punkt zu bringen, welchem Diktat die Neukonzeption der Ausstellung unterliegt: dem der Pathosvermeidung, die mit einem beinahe mutig zu nennenden Verzicht auf jedwede Didaktik einhergeht.