"Ich zittere vor dem, was wir tun", schrieb sie dem Mann, der sie entführen sollte. "Sind Sie sicher, dass Sie mich immer lieben werden? Werden wir es nie bereuen? Ich fürchte, ich hoffe."

Sie hatte allen Grund für gemischte Gefühle: Über drei Jahre hatten sie nun schon heimlich Briefe gewechselt. Er hatte sie mit Beteuerungen seiner Unwürdigkeit und Eifersucht bestürmt, sie hatte ihm versichert, er werde sie nie verstehen. So seltsam diese Liebesbriefe waren, brachten sie doch Abwechslung in die ländliche Einsamkeit, in der sie mutterlos mit ihren Geschwistern lebte. Einem Mann zu schreiben galt als unerhört, umso mehr als ihr hochwohlgeborener Vater, stets mit seinen Affären beschäftigt, dessen Antrag abgelehnt hatte. Als der sie mit einem anderen verheiraten wollte, blieb Flucht ihr einziger Ausweg. "Wenn wir erst mal in der Kutsche sitzen, lassen Sie uns kein Wort sagen, bis wir vor dem Pfarrer stehen, damit wir nicht wieder streiten", hatte er sie angewiesen.

Schließlich konnte sie sich davonstehlen. Sie heirateten im nächsten Dorf, danach weinte sie stundenlang in seinen Armen.

Als Ehefrau, hatte sie erwartet, stünde ihr die Welt offen. Sie hatte sich geirrt. Wieder wurde sie in ländliche Einsamkeit verfrachtet und wieder alleingelassen. Erst als die Vernachlässigte die offene Trennung forderte, holte er sie zu sich. Im Nu eroberte sie mit ihrer Schönheit, ihrer scharfen Zunge und ihrem Witz die höchsten gesellschaftlichen Kreise. Ihr Mann tat sich da schwerer. Als er in heikler Mission in ein fremdes Reich geschickt wurde, begleitete sie ihn. Das war ungewöhnlich, eindringlich warnte man sie vor den Gefahren der Reise.

Umso mehr wurde sie bei ihrer Rückkehr gefeiert. Ihre Abenteuer und die exotischen Dinge, die sie mitbrachte, waren das Gesprächsthema – darunter eine unerhörte Methode mit dem Ruch schwarzer Magie: um eine Krankheit zu bannen, Gesunde mit krankmachenden Stoffen zu infizieren. Damit pfusche man in die göttliche Vorsehung, wurde gewettert. Erst ein Jahrhundert später galt sie der Wissenschaft als Pionierin.

Sie war Feindschaft gewohnt, aber als die Anbetung eines berühmten Dichters in offenen Hass umschlug, war sie tief getroffen. Jahrzehntelang hatten beide in Reimen geflirtet, nun attackierten sie einander in bösartigen Versen. Der Abgewiesene dichtete ihr Unmoral an, dabei wusste er sicher nichts von ihrer Liebe zu einem Ausländer im Alter ihres Sohnes. Zwei Jahre wartete sie auf dessen Rückkehr, dann packte sie ihre Sachen und reiste in sein Land. Der Geliebte erwarb sich jedoch andernorts höchste Gunst.

Nach zwei weiteren Jahren vergeblichen Wartens gab sie ihren Traum von Liebe auf. Ihr Abenteuergeist dagegen blieb ungebrochen: Weit entfernt von der Heimat zog sie von Ort zu Ort. Zehn Jahre lebte sie eine bukolische Idylle, fischte, züchtete Seidenraupen und Geflügel. Erst kurz vor ihrem Tod kehrte sie zurück. Ihre letzten Worte waren: "Es war alles sehr interessant."