Holzgetäfelte Wände. Ein Schreibtisch. Eine Pendeluhr. Ein Ölgemälde, das Genf vom See aus zeigt. Das ist alles. Ein Raum, altmodisch und ohne jeden Glamour. Und doch ist es die Machtzentrale eines Unternehmens, das Prestige und Status produziert. Es ist das Büro von Philippe Stern, dem Eigentümer und langjährigen Chef einer der renommiertesten Uhrenmanufakturen der Welt: Patek Philippe.

Wer kennt schon Philippe Stern? Es gibt nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag über ihn. Seine Uhren aber sind weltberühmt. Wer eine Patek Philippe trägt, zeigt: Ich habe es geschafft. Sie sind das Erkennungszeichen der Mächtigen. Nicolas Sarkozy trägt eine und Karl-Theodor zu Guttenberg.

Patek-Philippe-Uhren gibt es nur in begrenzten Stückzahlen, und die raffinierteren werden nur an registrierte Kunden verkauft. Man erwirbt mehr als eine Uhr. Man wird Mitglied einer Gemeinde. Dafür investieren Männer gerne den Gegenwert eines Passat (Guttenberg) oder auch eines Mercedes (Sarkozy). Bis zu 750.000 Euro kann man für eine Patek Philippe ausgeben.

Schuld daran ist Philippe Stern. Er machte die Uhr zur Männerdroge. Stern leitete Patek Philippe seit den siebziger Jahren. In diesen Tagen übergibt er die Führung an seinen Sohn Thierry. Unter dem Patriarchen wurde eine Firma von gerade 100 Arbeitern zu einem Unternehmen mit 1200 Mitarbeitern. "Mir war eben immer wichtig, dass Patek Philippe wachsen kann", sagt er dazu. Weiter kommentiert er seinen Erfolg nicht.

Philippe Stern ist ein Mann mit sensiblen Augen und einem harten Schädel. Er ist einer, der nie mehr sagt, als er meint, aber das ganz bestimmt. Jeden Tag isst er mittags in der Betriebskantine. Das ist ungewöhnlich für jemanden, dessen Vermögen auf zwei bis drei Milliarden Schweizer Franken geschätzt wird und der zu den hundert reichsten Schweizern zählt. Und es ist umso ungewöhnlicher in einer Branche, die von schillernden Mega-Egos beherrscht wird, die sich wie Stars feiern lassen.

"Der Star sind unsere Uhren", sagt Philippe Stern. Mit den Chefs der großen Uhren- und Luxuskonzerne wie Swatch und Richemont habe er sich noch nie getroffen. "Ich kann gut ohne sie leben", erklärt er. "Ich bin niemand aus dem Jetset." Was macht Stern selbst mit seinem Geld? Auf die Frage schweigt er eine Weile und antwortet dann: "Wenn man viel arbeitet, merkt man ja gar nicht, ob man Geld hat oder nicht." Und er fügt hinzu: "Ich glaube, mein Vergnügen ist der Erfolg."

Es gibt tatsächlich nicht viele Vergnügen, die dieser Mann sich erlaubt. "Philippe Stern kommt aus eine protestantischen Familie", sagt Yannick Michot, der Patek-Philippe-Geschäftsführer Deutschland, der mit Stern seit zwölf Jahren zusammenarbeitet. "Für ihn kommen Statussymbole nicht infrage." Der 71-Jährige, für dessen Arbeit das Statusdenken die Geschäftsgrundlage ist, fährt selbst einen Audi mit Vierradantrieb, weil er gern zum Skifahren fährt. Er hat kein Handy und keine E-Mail-Adresse, keinen Computer. Trotzdem arbeitet er äußerst effektiv. Auf seinem Schreibtisch bleibt abends kein Papier liegen. Er erledige alles sofort, erzählen Mitarbeiter. Als wäre aus ihm selbst eine Uhr geworden.

Und Stern würde noch weiterticken, wenn er nicht wüsste, dass es an der Zeit ist, seinem Sohn Thierry die Führung zu übergeben. "Mein eigener Vater war in der Firma, bis er 87 war", erzählt Philippe Stern. "Dann sind wir umgezogen in ein neues Gebäude, und er konnte den Ausgang nicht mehr finden. Erst dann hat er aufgehört." So weit soll es mit ihm nicht kommen.

 

Für Philippe Stern war es immer klar, dass er in das 1839 gegründete Unternehmen einsteigen würde, das sein Großvater 1932 gekauft hatte. Dabei war es nicht so, dass Philippe schon immer nur Zahlen im Kopf gehabt hätte. Als junger Mann war er begeisterter Skifahrer, er gehörte sogar zum Worldcup-Team der Schweiz. Seine Disziplin war Abfahrtsski. Beim Abfahrtsski müsse man lernen, Risiko in Kauf zu nehmen und zu kalkulieren, sagt er: "Das war eine gute Vorbereitung." Er musste sich nicht selbst entscheiden, wann er in die Firma einsteigen wollte: "Das übernahmen die Berge für mich." Eine Schulterverletzung beendete seine Sportkarriere.

Als Stern in den sechziger Jahren anfing, war er einer der ersten echten Manager in der Branche. Die Inhaber von Uhrenbetrieben waren noch meist Uhrmacher: "Ich war einer der wenigen, die Betriebswirtschaft studiert hatten." Für das Handwerkliche fehlt ihm das Geschick: "Hier würde mich niemand eine Uhr anfassen lassen." Aber Stern wusste, wie schnell Märkte sich bewegen und wie unaufhaltsam neue Produkte sich ihren Weg bahnen können. Und so kam es auch.

Der Weltmarkt wurde in den siebziger Jahren von japanischen Quarzuhren überschwemmt. Im Nu schienen Jahrhunderte Schweizer Handwerkskunstwerk obsolet. Etliche Betriebe mussten schließen, andere versuchten, auf Quarzuhren umzusteigen. Es war die Zeit, als Philippe Stern mit seinem Vater die wichtigste Entscheidung treffen musste: Sie beschlossen, weiter mechanische Werke zu bauen. "Wir sagten, wenn nur ein Unternehmen für mechanische Uhren überleben würde, sollten das wir sein." Was hat ihn so sicher gemacht, dass es gut gehen würde? "Ich rief mir ins Bewusstsein, wie viele Sammler unserer Uhren es gab", sagt Philippe Stern. "Ich konnte nicht glauben, dass die plötzlich alle weg sein würden."

Stern entdeckte den Anachronismus, das Alte als Markt der Zukunft. Während andere versuchten, sich dem Zeitgeist anzupassen, setzte Stern auf das Firmen-Erbe. Er baute ein Patek-Philippe-Museum mit 2000 Exponaten auf. Er kaufte alte Modelle zu Höchstpreisen zurück. Und er ließ Uhren mit ungekannten mechanischen Finessen entwickeln. Die Rechnung ging auf. Er schaffte es, die Uhr zum Lustobjekt für Männer zu machen – und träumt seitdem davon, dieses Wunder zu wiederholen – bei den Frauen.

Vor wenigen Jahren brachte Patek Philippe die twenty-4 heraus: eine schlichte Damenuhr mit Quarzwerk, in der eine Revolution steckt. Diese Uhr sollten Frauen nicht nur tragen, sondern sie sollten sie auch selbst kaufen. Bis dahin wurden teure Damenuhren meist von Männern verschenkt – deshalb sahen die Modelle oft aus wie verkleinerte Herrenuhren mit Diamanten. Stern aber, der die Frauen selbst als Kundinnen wollte, entwickelte Uhren, die nicht nur in Männeraugen schön sind. Mittlerweile ist die twenty-4 die meistverkaufte Uhr von Patek Philippe.

Stern ist sicher, dass Frauen mehr von Uhren verstehen, als Männer glauben. Immerhin war die Patek Philippe von Sarkozy ein Geschenk von Carla Bruni. Nun wagt Stern es auch, teurere Uhren an die Frau zu bringen, und präsentiert eine neue, komplizierte, mechanische Uhr für Frauen. Das neueste Werk von Patek Philippe, ein Handaufzug-Chronograf, wurde zuerst in eine Damenuhr eingebaut, in die Ladies First. Die Herren unter den Sammlern müssen warten. Die Ladies First dürfte die letzte Uhr sein, die unter Philippe Stern als Präsidenten entwickelt wurde.

Sein Büro werde er erst einmal behalten, sagt Philippe Stern. Er bleibt im Verwaltungsrat. Wenn sein Sohn rauchen möchte, muss er das auch künftig im Büro des Vaters tun. Es ist das einzige Zimmer im Haus ohne Rauchverbot. Dieser Raum verweigert sich auch künftig dem Zeitgeist.