Der reiche Bäcker Petersen wird vor den Augen seiner Frau von einem Heckenschützen ermordet. In Niedersachsen geht der Sniper um, er sucht sich scheinbar wahllos seine Opfer aus. Amok auf Raten, brüllt Kommissar Kohl; er ist der Leiter der Sonderkommission, die ihm zugestellte Kollegin Lindholm würde er am liebsten in einen Fußpflegesalon abschieben.

Die Kommissarin ist aber schön genug und kennt sich im harten Leben aus. Tötet hier ein Soldat, der im Feindesland kirre wurde und nun in der Heimat in jedem Zivilisten einen Todfeind sieht? Daran mag Lindholm nicht so recht glauben, wir geben ihr sofort recht. Der Heckenschütze schickt nach jeder Tat an die Hinterbliebenen eine Karte. Darauf stehen die dunklen Worte der Verzweiflung: »Stille Leere Trauer Schmerz«.

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Die frisch verwitwete Frau Beate Petersen schluckt Pillen, sie hat Angst, auf wüster Männer Hilfe angewiesen zu sein. Tatsächlich bietet sich der Bäcker Wenzel fürsorglich an; er lebte in schön stumpfer Ehe mit Beate, bis Petersen Frau und Bäckerei übernahm. Da schlägt der Sniper erneut zu, diesmal liegt ein Vertreter, von Kopfschüssen niedergestreckt, auf dem Steinboden seiner Garage. Die Männer und Frauen hinter dem rot-weißen Absperrband, was tun sie? Sie recken die Hälse und glotzen, sie halten ihre Handys und Digitalkameras hoch und drücken auf den Knopf. Das Opfer eines Serienkillers gehört zur Prominenz.

Der Tatort ist für den Gaffer der wahre Ort der Tat – er will nicht wie seine Oma hinter den Spitzengardinen lauern, um eine Verfehlung zur Anzeige zu bringen. Die kranke Neugier treibt ihn hinaus. Er ergötzt sich am Leid der anderen, es rast sein Herz beim Anblick von Unfalltoten im Autowrack. Die kühle Kommissarin fühlt Überdruss, wenn sich die Linsen der technischen Geräte auf sie richten. Der Mörder ist ihr einen Schritt voraus, so lange, bis er gefasst wird. Wieso verklärt man ihn im Internet fast zum Idol? Lindholm aber lässt sich nicht beirren noch einschüchtern vom Kollegen Kohl. Es glaubt jeder Gauner, dass er klüger sei als die Polizei – Kohl will den Beweis antreten, dass er sich täuscht, der blöde Gauner.

Lindholm hat sich in Kommissar Bergmann verschaut, die Säure der Zuneigung ätzt ihren Selbstschutzpanzer. Polizisten sehen Zerstörung und Tod, und sie müssen so tun, als ginge es nur darum, ein Verbrechen aufzuklären. Die Liebe macht der Kommissarin deshalb fast mehr zu schaffen als die Morde des zur Höchstform auflaufenden Heckenschützen.

Bergmann sagt: Ich schaue hinter jedes Gebüsch, wenn ich privat unterwegs bin, es macht mich wahnsinnig. Er und Lindholm ringen sich mit letzter Kraft zur Nüchternheit durch, denn es gilt, den erfolgsbesoffenen Mörder einzuholen. Wir sind sehr beeindruckt von der meisterhaften Geschichte und den meisterhaften Schauspielern: Dies ist ein Ausnahme- Tatort, diese Folge wird uns lange in Erinnerung bleiben.

ARD, Sonntag, 15. November, 20.15 Uhr