Vom berühmten New Yorker Tribeca Film Festival (TFF), das die Produzentin Jane Rosenthal und Robert De Niro nach den Angriffen des 11. September gegründet hatten, gibt es nun einen Ableger in Übersee – das Doha Tribeca Film Festival in Katar. Wie schafft man es, solch ein Unternehmen an einem so fernen Ort zum Erfolg werden zu lassen? Man muss die Presse auf seine Seite ziehen. Die Presseleute des TFF teilen mir also ausnehmend freundlich mit, dass ihre Exzellenz Scheichin al-Mayassa bint Hamad al-Thani mich zum ersten DTFF nach Katar eingeladen habe. Businessclass-Flug, Fünfsternehotel, zahllose Partys, Ausflüge und "Massagen mit Champagner" sind inbegriffen. Was soll ich antworten? Ich bin von Geburt Jude, ein von vielen Menschen verachteter Mann; ich entscheide mich dafür, die mir in Liebe entgegengestreckte Hand zu ergreifen, und antworte sofort: Ich komme!

Die Katarer, wie immer sehr gastfreundlich, bitten mich höflich, ihnen eine Kopie meines Personalausweises zu senden. Sie möchten mir ein Visum ausstellen. Ich komme dieser Bitte gern nach. Aber die Tage vergehen, und mein Visum kommt nicht. Was ist passiert? Ich werde ein wenig misstrauisch, als ich in der New York Times lese, dass "keines der Festivals am Golf einen Film aus Israel im Programm" habe, und ein früherer TFF-Verantwortlicher mit der Aussage zitiert wird: "Mit einem israelischen Pass kann man hier nicht einreisen." Ich habe einen amerikanischen Pass, in dem jedoch Israel als mein Geburtsort aufgeführt wird. Wurde ich etwa wieder ausgeladen?

Ein paar Tage später trifft das Visum doch noch ein. Es ist auf Arabisch. Sämtliche Angaben entsprechen denen in meinem amerikanischen Ausweis, außer einer – dem Geburtsort. Ich wurde, falls ich das bisher noch nicht gewusst haben sollte, in Amerika geboren. Ich bin fasziniert: Stimmt das? Bin ich ein echter Amerikaner? Mit dem Visum in der Hand und einer neuen Identität auf dem Papier, besteigt ein stolzer, in Amerika geborener Mann das Flugzeug nach Katar. Klasse Flug. Und es wird noch besser. Sofort nach meiner Ankunft steht ein BMW mit Fahrer für mich bereit, der mich zum Four-Seasons-Hotel bringt. Schön ist’s hier, große Zimmer und alle erdenklichen Annehmlichkeiten. Ich entdecke sogar ein Geschenk auf dem Tisch, einen iPod Touch. Nette Geste.

Ja, ich bin ein geliebter Jude. Und es geht noch weiter in der Art. Am nächsten Tag gehe ich zusammen mit einem Haufen Kritiker aus dem Westen los, Rennpferde anschauen. Kritiker sollten sich diese Dinge ansehen, sonst können sie ihre Besprechungen nicht schreiben. Die Pferde haben im Übrigen recht interessante Namen. Meine Favoriten sind Sokrates und What a Lady. Während ich die Pferde in Augenschein nehme, spricht mich ein Arbeiter aus Sri Lanka an. Er verdiene 250 Dollar im Monat, von denen er 160 nach Hause schicke. Dieses Geld, so sagt er, ermögliche es seiner Familie, zwei Reismahlzeiten pro Tag zu kaufen, aber kein Brot. "Wenn sie Brot kaufen, können sie nur einmal pro Tag essen." Er würde gern von hier weg und zurück nach Hause gehen. Plötzlich sehe ich, wie eines der Pferde ziemlich wild versucht, das Gatter zu seinem Gefängnis zu öffnen. Ich kann mir nicht helfen, aber diese beiden zwingen mich, an die Kehrseite meines neu entdeckten Luxus zu denken: Billigarbeit und Leid. Vielleicht sollte ich lieber weggehen und mir einen Film ansehen. Hier findet schließlich ein Filmfest statt!

Getreu meinem Entschluss, gehe ich ins Kino, um mir A Serious Man anzusehen. Die ersten Minuten dieses brillanten Films sind auf Jiddisch. Es ist interessant, Jiddisch zu hören und parallel die arabischen Untertitel zu lesen. Aber irgendwas stimmt hier nicht: Immer wenn die Schauspieler zum Hebräischen überwechseln, gibt es keine Übersetzung mehr. Warum? Keine Ahnung. Das Publikum scheint den Film dennoch zu genießen. Wenn einer der Darsteller darin gerade einen Juden erschießt und sich anschickt, einen weiteren zu töten, flippen die Leute aus. Interessant.

Ich bleibe noch und schaue mir weitere Filme an, zum Beispiel Pomegranates & Myrrh, Regie Najaw Najjar aus Ramallah, eine Kooperation mit dem ZDF. Der Film zeigt die Palästinenser als die freundlichsten, reizendsten, romantischsten und selbstlosesten Menschen, während es israelische Juden als hässliche Kreaturen, brutale Unterdrücker und Sadisten zeigt. Bin ich froh, dass ich kein Jude bin! Allein die Vorstellung.

Genug von Filmen. Es ist wieder Zeit für eine Party. Eine Limousine holt mich ab. Der Fahrer erzählt mir, dass er Palästinenser sei. Aus welcher Stadt? "Doha." Doha in Palästina? "Ich bin Palästinenser!", insistiert er. Tja, ich schätze, dann haben wir hier einen Amerikaner und einen Palästinenser in diesem Auto. Ich steige aus und gehe zu der Party. Dort treffe ich Abdallah, einen muslimischen Journalisten, der mir erzählt, dass er ein Palästinenser aus Ramallah sei. Wann er denn das letzte Mal dort gewesen sei? "Noch nie", sagt er. In genau diesem Moment entscheide ich, dass ich in Salt Lake City geboren wurde und eigentlich Mormone bin. In diesem Wüstenstaat ist die Wirklichkeit so stabil wie eine Sanddüne im Wind. Abdallah vertraut mir ein Geheimnis an: "Die Ägypter", sagt er, "sind jüdischer als die Juden." Gut zu wissen.

Es weht ein heißer Wind, und ich gehe schlafen. Am nächsten Tag merkt der frischgebackene Mormone, dass er der einzige Mormone in Katar ist, sonst gibt es hier keinen. Das fühlt sich sehr einsam an, also gehe ich los, um mit Jane Rosenthal zu reden. Ich brauche Gesellschaft, warum also nicht ein bisschen Zeit mit einer mächtigen Dame verbringen? Jane strahlt über das ganze Gesicht, sie sei so glücklich, mich in Doha zu treffen. Sie erzählt mir, dass sie Jüdin sei und in ihrer Jugend auf eine Talmudhochschule gegangen sei. Zwei ihrer Assistentinnen kommen hinzu und fragen, ob sie Notizen machen dürften. Entspannungsübungen wären für sie wahrscheinlich besser, aber Notizen sind auch in Ordnung.