Denkt man an Bettine von Arnim, öffnet sich das Herz. Gibt es eine klügere leidenschaftlichere Frau, von der man erzählen möchte? Ein weibliches Wesen, das vor über 200 Jahren vorlebte, was heute noch nicht selbstverständlich ist, bürgerliches Selbstbewusstsein, Mut und Unkonventionalität? Die Fähigkeit zur Freundschaft. Den Großmut eines empfindsamen Herzens. Politischen Gestaltungswillen! Eine Mutter von sieben Kindern. Und Intellektuelle. Witzig und charmant. Voller Übermut!

Bettine von Arnim war ein Waisenkind. Geboren am 4. April 1785, in die wohlhabende Frankfurter Kaufmannsfamilie Brentano. Beim Tod der Mutter ist sie acht Jahre alt, beim Tod des Vaters zwölf. Ein späteres Selbstporträt zeigt einen kleinen Kopf, mit dunklen Locken frisiert und einem herzförmigen Gesichtchen, der Kopf ist zur rechten Seite gelegt und nach hinten geneigt, es wirkt ein wenig so, als sei er ihr zu schwer geworden. Der Schwung der Lippen zittert zwischen Lächeln und Trauer. Man möchte dieses Gesicht in die Hände nehmen und es aufrichten. Unnötig, denn sie hatte einen starken Freund, in sich. "Diesem Wesen muß ich nachgeben, ich muß ihr Treue und Glauben zusagen", notierte sie im Angesicht ihres Spiegelbildes. Dazu brauchte man auch damals Tapferkeit. Rückgrat, würde man heute sagen.

Es waren Zeiten, in denen alles möglich schien. Die Französische Revolution, die amerikanische Verfassung. Das Glück der Freiheit erhält Verfassungsrang! Neue Musik hieß: Mozart und Beethoven. Hölderlin dichtete seinen Hyperion und verfiel dem Wahnsinn. Ihre innigste Freundin im Geiste, die Günderode, stieß sich ein Messer in die Brust, Kleist brachte sich um. Die Weberaufstände gescheitert, die Hoffnungen von 1848 zerschlagen. Aber Goethe war noch immer die alle überragende Gestalt. Bettine, die nach dem Tod beider Eltern im Salon der Großmutter und Schriftstellerin Sophie von La Roche aufgezogen wurde, war mit dem Gedanken vertraut, dass sie mit den Größten ins Gespräch kommen könnte. Nicht zu viel weibliche Bescheidenheit also, auch wenn Goethe die junge Verehrerin bald lästig wurde.

Bettine von Arnim tauschte sich aus mit Philosophen, Politikern, natürlich den Freunden, Karoline von Günderode, Rahel Varnhagen, Alexander von Humboldt, mit dem Schriftstellerbruder Clemens von Brentano, selbstverständlich mit dem Mann Achim von Arnim, später den Kindern. Sie redet mit, in fiebriger Durchdringung, von Politik und letzten Fragen. Sie ist verwegen, aber keineswegs abgehoben: Bettine von Arnim pflegt in den Elendsvierteln der Hauptstadt die an Cholera Sterbenden. Auch mit dem König verkehrt sie auf Augenhöhe.

Bettine von Arnim nimmt es für sich als politisches Recht, mit ihrem Staatsoberhaupt von Gleich zu Gleich zu sprechen. Ein Volkskönig, das ist ihre Antwort auf die politischen Kämpfe. Sie schreibt ein ganzes Buch, Briefe für den König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, sie lässt nicht nach, ihm ihre Gedanken, Wünsche, Vorstellungen zum Staatswesen anzutragen, sie ist unbequem, nervt, verletzt damit die allererste Regel des Weiblichen, den Herren doch bitte nie zu nahe zu rücken. So viel Chuzpe wäre noch heute zu lernen.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Ihr Plädoyer gegen die Todesstrafe ist kunstvoll und scharfsinnig. Sie wirbt um des Königs Zustimmung. Sie erbittet sie. Sie legt ihm ihre Gründe dar. Die Todesstrafe ziehe diejenigen herab, die sie verhängen. Sie droht ihm, die Grausamkeit der Exekution lasse eine Härte und einen Überreiz in der Seele zurück, sie ängstige die Seele und reize doch zu mehr Blutdurst. Sie lockt ihn mit der Aussicht, durch Barmherzigkeit den Adel des Charakters zu zeigen. Sie schmeichelt. "Was mich bewegt, dies alles zu berühren, ist das Bewußtsein, daß höhere Naturen sich nie herablassen, dessen was ihnen störend sein kann, durch Verfolgung und Vernichtung sich zu entledigen." Sie verweist auf Gott und seine Gnade. Sie richtet sich auf: "Ich aber erkühne mich in seinem Namen diese Begnadigung von Euer Majestät zu fordern. Kein Menschenleben soll mehr der rächenden Strafe geopfert werden!" Sie spielt, mit sanftem Nachdruck, auf jenen Zeitpunkt an, an dem alle, sie und auch der König, dem Ende des eigenen Lebens entgegensehen müssen. "Und ich dachte, das Leben sei nur ein kurzer Tag, und wie bald die Nacht hereinbricht, die einem anderen Tag vorausgeht, und ich dachte, es wäre schöner als alles, wenn der Nachruhm einer verzeihenden Milde das Andenken Euer Majestät verkläre!"

Bettine von Arnim hält sich nicht auf mit Nebensächlichkeiten, auch wenn ein Gut zu verwalten ist, das Geld nicht reicht, die Kinder von ihr Schub erwarten. Sie stößt mit scharfem Verstand in die Wunden ihrer Zeit: Judenpogrome. Gefängnisreform. Sie sammelt Fakten, um das Kernproblem des preußischen Staates, die Armut, anzuklagen. Doch das Buch darüber kann nicht erscheinen, so drohend spreizt sich die Zensur. Mehr als einmal steht sie im Zentrum eines Skandals. Und ist – auch angesichts der Tragik dieser Zeit – von einer gewissen Furchtlosigkeit, sie lässt nicht nach, sie lässt sich nicht irremachen.

"Ihre Natur ist Tag und Nacht unermüdet", schrieb Jacob Grimm über sie, dem sie, sowie dessen Bruder Wilhelm, beigestanden hat, als die Zensur sie verfolgte. Und Wilhelm schrieb: "Ihr Herz ist noch besser als sie sich anstellt, und ihr Geist ist einer, wie ihn Gott nicht häufig auf die Welt schickt." Er nennt sie eine Strahlende, von innen heraus. Bettine von Arnim starb 1859, im Alter von 73 Jahren. Seither fehlt eine wie sie.

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Schriftstellerinnen aus zwei Jahrhunderten
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