Angenommen, ein deutscher Konzernchef machte heute folgenden Vorschlag: Lasst uns die Arbeitszeit flächendeckend auf fünf Stunden reduzieren. Damit wird die vorhandene Arbeit besser verteilt, und wir bekommen die Arbeitslosen von der Straße. Ein großer Teil der Kosten wird durch eingespartes Arbeitslosengeld kompensiert. Und wenn mehr Leute einen Job haben, kurbelt das zudem den Konsum an. Die reflexhafte Ablehnung im Arbeitgeberlager und durch führende Volkswirtschaftler wäre ihm sicher. Und so erging es auch Robert Bosch, als er 1932 in seinem Aufsatz Die Verhütung künftiger Krisen in der Weltwirtschaft für eine radikale Arbeitszeitverkürzung plädierte. Das war seine Lehre aus den bitteren Erfahrungen seiner Zeit. Er wollte möglichst viele Menschen in Arbeit halten. Denn »die Beschäftigungslosen müssen verkümmern, körperlich und seelisch«.

Bosch hatte in seinem Betrieb den rasanten Produktivitätsfortschritt durch immer leistungsfähigere Maschinen miterlebt. Seine Vision: In nicht allzu ferner Zeit würden wenige Stunden Arbeit am Tag ausreichen, um »das Lebensglück« eines jeden zu sichern. Als einer der ersten deutschen Unternehmer führte er den Achtstundentag und den freien Samstagnachmittag ein. Ingenieure, Gesellen, Arbeiterinnen und selbst die Kriegsblinden im Unternehmen verdienten rund 20 Prozent mehr als vergleichbare Industriebeschäftigte. Das nahmen ihm andere Arbeitgeber übel. Sie schmähten ihn als den »roten Bosch«, hießen ihn einen »Sozialschwärmer«. Er hielt dagegen: »Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle.«

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Seine sozialen Pioniertaten wollte Bosch denn auch nicht als »Geschenke« verstanden wissen. Wer etwas leiste, so sein Credo, für den sollte sich das direkt lohnen. Die Praxis gab ihm recht. Seine Leute lieferten in acht Stunden bessere Arbeit ab als ihre Kollegen bei der Konkurrenz in neun. Der Chef selbst war ein ständiger Antreiber, ohne dass der Spaß zu kurz kam. Wenn in seiner Werkstätte viel gelacht und gesungen wurde, war er zufrieden. Als »Bosch-Geist« ging dieses gedeihliche Betriebsklima in die Wirtschaftshistorie ein.

Bosch war das zehnte von elf Kindern eines Großbauern und Gastwirts aus Albeck bei Ulm. Mit 15 Jahren ging er von der Schule ab, um eine Feinmechanikerlehre zu absolvieren. Wichtige Lehren zog er aus seinen Wanderjahren, die ihn durch Deutschland, nach England und nach Amerika führten. Als bekennender »Sozialist« kehrte er zurück. Aber als eigenwilliger. Weder von der Mehrwerttheorie des Karl Marx noch von Planwirtschaft hielt er etwas. Letztere konnte nach seiner Überzeugung nicht funktionieren. Dafür sei der Mensch nicht gemacht. Seine Vorstellung von Sozialismus bedeutete faire Arbeitsbeziehungen im Unternehmen.

Im Jahre 1886 gründete Bosch in Stuttgart eine Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik. Aus dem Drei-Mann-Betrieb machte er nach holprigem Start einen weltweit erfolgreichen Konzern. Bosch verstand es, mit seinen schwäbischen Tüftlern technische Erfindungen zu perfektionieren – vor allem das »Zubehör« für die aufkommende Automobilindustrie.

Er hatte nicht studiert. Dennoch begriff er früh, wie wichtig es in einem rohstoffarmen Land wie Württemberg war, Bildung und technische Entwicklung zu fördern. Dafür stiftete er regelmäßig Geld, unterstützte aber auch das Gesundheitswesen oder Künstler in der Region. Den größten Teil der Gewinne steckte Bosch freilich wieder ins Geschäft, so konnte er auf Bankkredite verzichten. Das machte sein Unternehmen krisenfest.

Noch heute lebt der legendäre »Bosch-Geist« im Unternehmen weiter. Von Boschs Stiftungen profitieren junge Talente, Künstler und Wissenschaftler. Bosch war der Pionier der nachhaltigen Unternehmensführung: Die Fragen, die er aufwarf, werden in der heutigen Wirtschaftskrise wieder heiß diskutiert.

Weitere Informationen:
Wikipedia
Bosch-Stiftung