Was für ein Anfang! »Die Nazis versuchten, Europa zu verdeutschen. Jetzt kommt es darauf an, Deutschland zu europäisieren.« Nicht durch Zerstückelung könne das Problem Deutschlands und Europas gelöst werden, sondern nur dadurch, »daß man West, Ost – und das, was in der Mitte liegt – vereint«. Auf der Grundlage von Freiheit und Demokratie!

32 Jahre alt war der Autor, als er das schrieb. 1946! Ein deutschnorwegischer Journalist, sein Name: Willy Brandt. Titel seines Deutschlandrapports: Forbrytere og andre tyskere (Verbrecher und andere Deutsche). Als Kanzlerkandidat seiner Partei, aber auch noch als Kanzler und Friedensnobelpreisträger wurde er deswegen diffamiert: weil er sich als Antinazi illuminiert und die Deutschen zum Verbrechervolk erklärt habe.

Zwölf Jahre hatte er im skandinavischen Exil verbracht, das Gewehr in der Hand gegen Hitler, im Untergrund, im Bürgerkrieg gegen Franco. Nun wollte er berichten vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Ein Rächer? Nein, ein ungewöhnlich differenziertes Bild eines Landes in Trümmern wurde daraus. Kollektivschuld? Nein, aber Verantwortung trugen die Deutschen. Er auch. Wer es nicht glauben wollte, wurde im Dezember 1970 mit seinem Kniefall am Warschauer Ghetto-Mahnmal – wortlos – eines anderen belehrt.

Was war das, was so ansteckend wirkte, auch später? Jenes »andere« Deutschland nahm er ernst, das nicht vor Gericht stand. Er war ein Möglichkeitsden- ker. Einen grundoptimistischen Glauben an die moralisch aufbauenden Kräfte brachte er mit. Ohne Zeigefinger erwies er den »anderen« Reverenz, dem Widerstand der Kommunisten, Sozialdemokraten, Pfarrer, der Opposition in Europa und, ja, den preußischen Offizieren – »der 20. Juli war eine Revolution«.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Im Kern hat man da bereits den ganzen Brandt vor Augen. Dafür ist er als Landesverräter angeprangert worden – weil er sich der deutschen Mehrheit nicht fügte und ging und dann auch noch die Chuzpe hatte, zurückzukommen und Vertrauen zu investieren. »Die Deutschen zogen schweigend an den Gräbern vorbei«, hatte er mir einmal gesagt, »das hatten sie angerichtet.« Fest entschlossen aber hatte er sich, nicht als Ankläger oder Richter aufzutreten. Auf die jungen Menschen müsse man bauen, resümierte er noch in Nürnberg, die sicher »Schaden erlitten« hätten, aber nicht »Banditen« seien. »Die Generation, auf die wir gewartet haben«, rief er 1968 der Apo zu. Und: Junge Deutsche sind schon für Schlimmeres auf die Straße gegangen!, verteidigte er 1980 die Friedensbewegung.

Den europäischen Nachbarn, die fünf Jahre deutscher Besatzung erlitten hatten, traute er ein Jahr nach Kriegsende viel zu: Es liege im gemeinsamen Interesse der europäischen Völker, dass ihr Kontinent aus mehr bestehe als verschiedenen »Einflusssphären«. Ach ja, und »Lakaien« der Siegermächte seien auch die Antinazis nicht, dafür war er nicht emigriert! Wenn er vierzig Jahre später durch Osteuropa reiste, sprachen die aus der Nomenklatura wie die Oppositionellen mit ihm, als gäbe es schon ein geeintes Europa. Im Gespräch war der Eiserne Vorhang weg. Er, als Person, antizipierte etwas. Was war sein Geheimnis?

Mit diesem »immer neu anfangen können« muss es zusammenhängen. Sich nicht mit den Gespenstern der Vergangenheit herumschlagen, nicht einmal in Nürnberg, mit den »Gespenstern« auf der Anklagebank. Richard von Weizsäcker merkte nach der Lektüre des Brandtschen Deutschlandbuches verblüfft an, auch er sei erwachsen gewesen und habe etwas hinter sich gehabt, als er 1945 nach Nürnberg reiste, aber dieser Brandt, kaum älter, habe nicht nur auf den morgigen Tag und die existenziellen Sorgen geblickt, sondern habe eine historische und europäische Perspektive gehabt, Hut ab. Diesen Fixstern Europa erkannte er früh, dem folgte er wieder neu, nachdem Hitler besiegt war. Wenn man nicht weiterkommt, hieß die Maxime, muss man die Szene »neu arrangieren«.

Mit dem Mauerbau 1961 war die alte Politik gescheitert, der Kalte Krieg wurde kälter, also musste umgedacht werden: Sein Barack Obama hieß John F. Kennedy, ihn hat er nicht heruntergemäkelt, anstecken ließ er sich von ihm. Entspannung? Den Mann muss man beim Wort nehmen! Im Zweifel sogar schubsen! Der Friedensnobelpreis nach zwei Amtsjahren zu früh? Woher denn, ihm haben die Osloer damit auch in höchster Bedrängnis den Rücken stärken wollen. Es gelang ihnen ja auch. Die Politik ist müde und erstarrt und die Volkspartei nicht mehr Volkspartei? Na, dann muss sie sich eben öffnen, wozu hat man denn Volksparteien. Und sie müssen was wollen, etwas, wofür sich ein Risiko lohnt. Wie für die Ostverträge, dafür hat er seine Kanzlerschaft riskiert.

Überhaupt, dieser Anfang von 1969: Wenn man so will, war auch das in dem Büchlein von 1946 in nuce enthalten, dieses Wort »wir wollen mehr Demokratie wagen«. Was er sagen wollte, war, dass es nicht den einen großen Anfang, sondern nur die permanenten Neuanfänge gebe. Wenn’s zu viel Kraft kostete, nahm er, wie Freund Grass sagte, »seine Melancholie«. Oder es warf ihn für Monate aus der Bahn, beinahe für immer. Und danach wollte er doch wieder neu beginnen und anders und überraschend möglichst auch. Davon atmete Verbrecher und andere Deutsche etwas, aber auch sein Memoirenbuch, dem er nach reiflichem Überlegen, vielleicht auch Grübeln, den Titel gab, der ein Lebensprogramm blieb: Links und frei.

Weitere Informationen:
Willy Brandt-Stiftung
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