Er hat sich von Anfang an die größte Mühe gegeben, als unanständig zu gelten. Schon der junge Dichter spielte gern den verruchten Lebemann, den Frauenverschlinger, den Zyniker des Sex. Zum Beweis benutzte er möglichst oft Wörter wie Beischlaf und Ekstase. Er provozierte mit der Formel vom "großen Weib Welt" und hielt sich die Maske des alten Baal vors Jünglingsgesicht. Der Mensch als lüsternes Vieh und sanftes Tier, das Liebe am liebsten unter freiem Himmel macht: So inszenierte Bertolt Brecht sich in seinen frühen Texten. Dass später ein Schriftstellerkollege über ihn sagte: "Er fraß viel Leben", war aber ein Missverständnis.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Denn in Wahrheit war Brecht zunächst ein leidenschaftlich-glückloser Liebhaber gewesen. Zwei Jahre lang warb er vergebens um seine Marie A., die ihm nur Küsse erlaubte. Paula Bahnholzer wiederum, die heiß begehrte "Bi" aus den Gedichten, fand den 21-jährigen Brecht im Bett so unbeholfen, dass sie ihm ohne Weiteres glaubte, er habe soeben erst seine Unschuld verloren. Man muss die Kluft zwischen tatsächlicher und literarisch konstruierter Wirklichkeit sehen, um Brecht als eines der meistverkannten Genies seiner Zeit zu begreifen. Er war keineswegs der unmoralische Moralist, als den ihn die Kritiker abtun. Wenn schon moralische Kategorien für die Beurteilung eines Dichters gelten sollen, dann war Brecht auf seine unkonventionelle Weise ein höchst anständiger Mensch. Er suchte keine Betthäschen, sondern – und darin ist er bis heute Avantgarde – das ebenbürtige, intelligente, schöpferische weibliche Gegenüber. Er machte keinen Hehl aus seiner polygamen Lebensweise. Er versprach kein spießiges Eheglück. Als zwei rivalisierende Geliebte ihn einmal zur Rede stellten, welche von beiden er denn nun zu heiraten gedenke, erwiderte er ernst: "Beide."

Das war seine Art, gegen seine Herkunft aus dem "Pfaffenwinkel" Augsburg zu rebellieren – gegen das Verlogene und Ungerechte im Gewand der Wohlanständigkeit. Der dienstmädchenverwöhnte Bürgersohn des Jahrgangs 1898 kannte es nur zu gut. Weil er sich nicht in den Verhältnissen einrichten wollte, wurde er letztlich Kommunist. Er akzeptierte nicht die Armut der Armen und den kunstbeflissenen Eskapismus der Reichen. Sein Erneuerungswille betraf die Welt ebenso wie die Kunst, und seine Kritik am Kapitalismus schloss auch ihn selbst mit ein. "Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen, fahre ich zum Markt, wo Lügen gekauft werden. Hoffnungsvoll reihe ich mich ein unter die Verkäufer", schrieb der Exilant in seinen Elegien aus Hollywood. Das Wörtchen "hoffnungsvoll" lässt schon sein zwiespältiges Verhältnis zur Utopie ahnen. Brecht sprach von der Zukunft mit Sarkasmus, formulierte seine linken Hoffnungen aus einem apokalyptischen Weltgefühl heraus.

Er hat sich bis zum Schluss die größte Mühe gegeben, als Kommunist zu gelten. Noch am 17. Juni 1953 versicherte er die Regierenden der DDR seiner Loyalität, nicht ohne jedoch harsche Kritik zu üben. Die Zeitungen veröffentlichten nur die Loyalitätsadresse, worüber Brecht tobte und sich bis zu seinem Tod im Jahr 1956 nicht beruhigte. Wer weiß heute eigentlich noch, dass der Verfasser der Mutter Courage zu den schärfsten Gegnern der sozialistischen Kunstdoktrin gehörte? Kunst darf sich nie dem Geschmack einer Partei unterwerfen. Da stellte er sich stur. Da blieb er seinen expressionistisch-vitalistisch-anarchistischen Anfängen treu. Brechts neuer Feind in der DDR war ja der alte aus Augsburger Zeiten: eine hausbacken repressive Bürgerlichkeit. Leider wird er von deren Vertretern immer noch kritisiert. Einst berühmt geworden mit empfindsam frivoler Liebeslyrik, heute berüchtigt als marxistischer Rohrstockdramatiker, bleibt Brecht als frecher, scharfsinniger, rigoroser Gesellschaftskritiker weiterhin unser Begleiter.

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