Ihr Lieblingswort war "Quatsch". Das passt zu einer Frau, die immer wusste, was sie wollte, und vor allem, was nicht. Quatsch fand sie ihren Namen Marie Magdalene, deshalb gab sie sich einen neuen: Marlene.

Als Marlene war sie der absolute Star ihres Jahrhunderts, zeitlos in der Zeit. Aber immer auch: die beineschwingende Göre aus Berlin. Marlene, die Kleene, geboren in der Leberstraße 65 in Berlin-Schöneberg. Auf einmalige Weise verkörpert sie die Doppelexistenz eines bodenständigen, herzlichen, hilfsbereiten Menschen und eines perfekt kontrollierten, unserem Dasein enthobenen Traumbildes. Aber kann man sich Marlene Dietrich in TV-Spots vorstellen, bei Wetten, dass…?, als Gast bei Johannes B. Kerner? Natürlich, man kann sie sich vorstellen in diesem Zirkus, elegant und eben auch kumpelhaft, schlagfertig berlinernd. Trotzdem hätte sie den ganzen Quatsch nicht mitgemacht. Weil sie wusste, dass Image mit Imagination zu tun hat, die nur zerstört werden kann durch völlige Verfügbarkeit.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Im Grunde war Marlene Dietrich der erste Star, der das Medienzeitalter wirklich begriff. Die Medien verstehen heißt erkennen, wann man sich entziehen muss. Marlene entzog sich immer wieder und am Ende konsequent. Von manchen wurde der totale Rückzug ihrer letzten Jahre als Eitelkeit gedeutet. Dabei ging es vielmehr um eine radikale Form der Demut gegenüber dem eigenen Mythos. In Zeiten, in denen man über Jahre hinweg mit den Spermiengeschichten abgehalfterter Tennisstars belästigt wird, möchte man einige Stars und Sternchen in ihre preußische Schule schicken.

Auf dieser Schule könnte man auch lernen, was Haltung ist. Eine Haltung, die mit Herz und Gerechtigkeitsempfinden zu tun hat. Marlene Dietrich, sagte ein kluger Bewunderer, habe Hitler nicht aus politischen Gründen, sondern aus Anstand abgelehnt. Genau deshalb wurde sie für die Deutschen zur Nemesis. Diese Nemesis trug Pelz, machte in Hollywood Karriere und unterstützte während des Zweiten Weltkriegs in amerikanischer Uniform die GIs. Und so liegt das Problem der Deutschen im Umgang mit Marlene Dietrich darin, dass Marlene ein Vorbild sein könnte, für ihre Landsleute aber vor allem deren Versagen während der Nazizeit widerspiegelte: Sie war das glamouröse Gegenteil von Mitläufertum.

Man muss immer wieder daran erinnern, dass Marlene Dietrich 1960, während ihrer Konzertreise durch Deutschland, als "Vaterlandsverräterin" beschimpft und mit Eiern beworfen wurde. Es spricht sehr für sie, dass sie daraus keine Märtyrergeschichte machte und behauptete, sich vor allem vor Flecken auf ihrem Schwanenmantel zu fürchten. Wie sehr es sie trotzdem verletzt haben muss, kann man nur ahnen. Danach kehrte sie nie wieder nach Deutschland zurück. Sollte man in diesem Land, in dem es selbst ein Denkmal für den Lieblingsdackel von Kaiser Wilhelm gibt, nicht endlich auch eines für Marlene Dietrich errichten? Glamour hatte sie einfach. Anstand und Haltung waren ihre zeitlosen Tugenden. Bewundern muss man sie bis in alle Ewigkeit für die Lässigkeit ihrer Courage. Und für ihre Bescheidenheit. "Alles, was über mich geschrieben wird, ist Quatsch", sagte sie.

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Dietrich - Internet-Museum