Klein und rund war er, eine Zielscheibe des Spotts. Er habe die Statur eines Schneemanns, hieß es. Er sei das hässliche Entlein der Neuen Wiener Schule. Böse, böse! Andererseits war er wendig. Er wich aus, floh, 15 Jahre lang, bis nach Hollywood, während Europa zum Schlachtfeld wurde. Auch war er wortgewaltig, geboren in der (viel, viel späteren) Heldenstadt Leipzig, aufgewachsen in Österreich mit Schmäh, er wusste auszuteilen. Und weil der Mensch ein Mensch ist, braucht er Noten, bitte sehr: Hanns Eisler schrieb sie, Bertolt Brecht die Worte dazu.

Bedrückendes fehlte seinem Leben nicht: zwei Kriege, Inflation, Hitler hier, Stalin da, Flucht und Ungewissheit, Exil in der Fremde, und die geliebte Frau (eine der geliebten Frauen) verschwand auf 18 Jahre im sowjetischen Gulag – doch hörte man ihn selten jammern. War er nüchtern, gefühllos? Wer wollte über ihn richten!

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

"Kann das so weitergehen?", das war seine Frage, und die Antwort gab gleich er: "Ich würde sagen: Nein, nein!" – "Etwas weiß ich!", rief er. "Es wird sich Gewaltiges ändern!" Und hatte ja recht.

Er lebte im Widerspruch. Zu den Herrschenden, mit sich selbst. Damals hieß das Dialektik. Mal war er aller musikalischen Entwicklung vorweg, mal echt am Ende – als die Vereinigten Staaten, die ihm das Leben gerettet hatten, ihn, den Kommunisten, verfolgten. Als seine DDR, der er die herrliche Nationalhymne geschrieben hatte, das ihm Liebste, den Doktor Faustus, als Staatsoper nicht wollte, weil es nicht positiv genug war.

Der Vater Philosophieprofessor, die Mutter Arbeitertochter, das Spektrum der Gesellschaft als familiärer Spalt, so ging es gleich los. Hochkultur in der Wiege, in der Pubertät sozialismusinfiziert, Begeisterung für Arbeiterchöre – aber was sangen die? Was sangen die bloß? So einen Kitsch! Eisler wollte den Kampf, er munitionierte das Liedgut dazu.

Wenn sie heute um Opel bangen, wenn sie Quelle verramschen, dann schmettert kein Gewerkschaftschor dem Kapital sein Nichteinverstandensein entgegen. Ja, Komponisten seines Schlages, die könnten guttun jetzt, manchen Verdruss mildern, manches politische Vorhaben auf einen coolen Refrain bringen! Die Hip-Hopper würden ihn lieben, doch, schon.

Er hatte beim großen Arnold Schönberg studiert, dem Zwölftonvater und Enttabuisierer des diabolischen Tritonus. Die Ästhetik, ja! Aber doch nicht alles Können auf die wenigen verwenden! Musik muss heraus aus den Salons, auf die Straße, vor die Werkstore, in die Fabriken!