Fontanes Lebensweg war lang und steinig. Er wurde fast sechzig, bis er den ersten der Romane publizieren konnte, die seinen späten Ruhm begründeten. Er hat erfolglos als Apotheker gearbeitet, als Historiker, als Kriegsschriftsteller und die längste Zeit seines Lebens, aber überwiegend sehr ungern, als Journalist. Er lebte unter fast erbärmlichen Umständen in Berlin und London, er hat die wenigen festen Stellungen, die sich ihm boten, alle gekündigt. Sie waren ihm eine Qual, ob bei Zeitungen oder bei einem preußischen Büro zur Presselenkung. Selbst eine Sinekure, die ihm bei der Akademie der Künste geboten wurde, hat er fluchtartig verlassen, weil er die Archivluft nicht atmen mochte.

Eine Qual war auch das Leben, das er damit sich und seiner Familie bot, und er wusste es. "Alles auf nichts anderes hin als auf die Fähigkeit, ein mittleres lyrisches Gedicht und eine etwas bessere Ballade schreiben zu können", so hat er es seiner Frau einmal zugegeben. "Personen von solcher Ausrüstung, wie die meine war, kein Vermögen, kein Wissen, keine Stellung, keine starken Nerven, das Leben zu zwingen – solche Menschen sind überhaupt keine richtigen Menschen, und wenn sie mit ihrem Talent und ihrem eingewickelten 50-Pfennigstück ihres Wegs ziehn wollen (und das muss man ihnen schließlich gestatten), so sollten sie sich wenigstens nicht verheiraten. Sie ziehen dadurch Unschuldige in ihr eigenes fragwürdiges Dasein hinein."

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Bitterer kann man sich kaum zerknirschen. Und doch hat er sich und seiner Frau, die nicht einmal an sein Talent glaubte, ein Warten, ein Suchen, ein Umherschweifen zugemutet, das nicht ahnen ließ, dass nach den Jugend-Balladen noch ein anderes und viel größeres Werk kommen könnte. Er wollte es aber, und er war dafür bereit, sich immerfort zu häuten, neu zu erfinden, alles neu zu sehen und zu durchdenken. Er hat ja nicht nur eine Kette literarischer Metamophosen durchlaufen, an deren Ende der größte deutsche Romanschriftsteller des 19. Jahrhunderts schlüpfte und der einzige von europäischem Rang. Er hat auch eine Kette von politischen Metamorphosen durchgemacht. Er war ein echter Märzradikaler, der 1848 mit dem Gewehr an der Barrikade stand, er hat sich mit den Wanderungen durch die Mark Brandenburg und mit seiner Stelle bei der Kreuzzeitung tief in den preußischen Konservatismus eingelebt und ist am Ende seines Lebens wieder aus Preußen herausgeschlüpft. Vom Bewunderer Bismarcks wurde er zu seinem erbittertsten Gegner, den triumphalistischen Wilhelminismus hat er zutiefst gehasst.

Mit diesem "Altersradikalismus", den Thomas Mann bei aller Bewunderung an dem verehrten Dichter beklagte, war aber nicht einfach die republikanische Freiheitsbegeisterung der Jugend wieder durchgebrochen. Das alte Preußen blieb eine Liebe, aber nur als Preußen. In dem Moment, wo es sich für Deutschland nahm und das Reich dominierte, sah er es nur noch als Verhängnis. Fontanes Häutungen waren Prozesse fortschreitender Differenzierungen, aber es waren Differenzierungen ums Ganze. Die Gesellschaft, die er auf seinem gewundenen Weg durch alle Schichten kennenlernte, wurde ihm zu einem Albtraum erstarrter Konvention, ohne dass er indes jemals den Blick für den individuellen Spielraum zu humaner Größe verlor. Dass der Mensch immer auch anders kann, als die bornierte Umwelt nahelegt, gibt seinen Romanfiguren erst ihre grausame Fallhöhe. Auch hier bewährte sich sein langsam errungener Sinn für die entscheidende Differenzierung.

Was kann man nun von Fontane lernen? Natürlich nicht seine Kunst. Aber man kann lernen, was er selbst gelernt hat: die Freiheit des Urteils von allen Verfestigungen, die Freiheit von den eigenen Bornierungen und denen der Umgebung, die Freiheit zur seelischen Beweglichkeit bis ins höchste Alter, die Freiheit aber auch, an einem eigenen Weg ohne vorher gewusstes Ziel festzuhalten, ohne jemals zu erstarren oder zu verbittern. Es steckt auch in seiner Kunst eine menschliche Freiheit, letztlich eine höhere, vollständig unbestechliche Souveränität, die freilich, das darf man nicht unterschlagen, für die engere und weitere Umgebung immer auch eine Zumutung, ein schlimmes Ärgernis sein kann. Dieses kostbare Ärgernis der humanen Souveränität ist Fontanes moralisches Vermächtnis.

Weitere Informationen:
Fontane-Archiv
Wikipedia