Wenn eines fernen Tages im Jahre 2032 oder 2049 eine besonders assimilationsfreudige deutsch-islamische Gemeinde auf die Idee käme, ihr Gotteshaus Goethe-Moschee zu nennen, wäre das gewiss keine abwegige Wahl. Dem Namenspatron jedenfalls, so darf man vermuten, würde sie gefallen. Denn in keine andere Religion und Kultur jenseits der christlichen hat sich der Dichter so intensiv und so intensiv sympathisierend vertieft wie in die islamische, wie in alles, was orientalisch ist. Zwar hat er selber kaum mit dem Gedanken gespielt zu konvertieren. Dazu war ihm seine eigene Religion, die Poesie, viel zu teuer. Aber nichts fiel ihm schwerer, als den Auftrag seines Herzogs zu erfüllen und ausgerechnet Voltaires Mahomet ins Deutsche zu übersetzen und für das Weimarer Theater einzurichten. Das Stück des großen Franzosen, der auch hier, wie so oft, über Bande schrieb, indem er den islamischen Fanatismus geißelte, jede Art von religiösem Fundamentalismus aber meinte, blieb Goethe fremd.

Seit Jugendjahren hatte er sich mit der islamischen Welt, mit dem Propheten selbst und dem Koran beschäftigt. Da waren zunächst die Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Sie haben den Siebenjährigen begeistert und noch den Siebzigjährigen inspiriert; Scheherazade verehrte er als die Mutter aller Erzählkunst. Wer die wunderliche Struktur der späten Wanderjahre begreifen, wer etliche Motive in Faust II von ihrem Ursprung her nachvollziehen will, der muss dieses Vorbild kennen. Aber schon eines der ganz frühen Stücke, Die Laune des Verliebten, spielt mit Motiven aus dem großen Märchenbuch.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Am liebsten hätte der junge Goethe wohl in Göttingen Philologie studiert, nicht zuletzt bei dem Orientalisten Johann David Michaelis, doch der Vater schickte ihn zum Jurastudium nach Leipzig. Hier lebte Johann Jakob Reiske, der damals bedeutendste deutsche Kenner der islamischen Welt. Durch ihn dürfte Goethe mit der Dichtung Al-Mutanabbis bekannt geworden sein und anderer arabischer Dichter. Wenig später befeuerte ihn Herder in seiner Begeisterung für alles Orientalische. Mit wahrer Wissbegier, fast obsessiv verfolgte Goethe zeitlebens die Nachrichten aus dem Orient, verschlang die einschlägige Reiseliteratur und die neuesten Übersetzungen. Auch die vorislamische Dichtung der Araber beschäftigte ihn, auch die persischen Meister – und immer wieder der Koran, der ihn gleichermaßen abstieß wie lockte. Es war für ihn ein "heiliges Buch … das uns, so oft wir auch daran gehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt".

Schönste Frucht seiner Liebe zum Orient bleibt der West-östliche Divan, seine große Herzenskunde, Huldigung an die geliebte Marianne von Willemer, die selber einige Gedichte zum Divan beigesteuert hat. Die deutsch-amerikanische Germanistin Katharina Mommsen, die viele Jahre im kalifornischen Stanford lehrte, hat 1988 in ihrem grandiosen Buch Goethe und die arabische Welt auch die Genese dieses morgenabendländischen Wunderwerks minuziös beschrieben. Ihr Buch zeigt uns, warum es Goethe war und sein musste, der als Erster von "Weltliteratur" sprach, der dieses Wort erfand.

Ja, man mag den Dichter für vieles bewundern. Für seine Kunst, versteht sich, vom Werther bis zum Faust. Für sein Leben, für seine Fähigkeit, sich immer wieder zu verwandeln, sich der Versuchung, erwachsen zu werden und zu erstarren, zu entziehen und in immer neuen Pubertäten zu erblühen und zu erglühen – bis zuletzt, als der 72-Jährige der 17-jährigen Ulrike von Levetzow verfällt, als alter Narr noch und wieder ein göttlicher Dichter der Liebe und des Glücks. Doch mit Blick auf morgen, auf die Welt, wie sie zusammenwächst und -wuchert, sei auch der Mann gepriesen, der versuchte, eine andere Religion und Kultur ganz zu verstehen und der eigenen anzuverwandeln. Der ohne jedes Vorurteil dem Sinn des vermeintlich Fremden nachspürt und erkennt, wie das eine dem anderen zugehört.

Hundertmal um die Welt geflogen, aber nie aus Hamburg-Eppendorf, aus Berlin-Charlottenburg herausgekommen – dieser spezifische Provinzialismus der deutschen Eliten ist für unser Land eine besondere Last. Goethes Souveränität, die Fremde zu durchdringen und sie selbsterforschend-nachempfindend zu begreifen, mag da helfen und Übungen zeigen, sich global ein wenig zu lockern. Denn: "Wer sich selbst und andre kennt / wird auch hier erkennen: / Orient und Occident / Sind nicht mehr zu trennen."

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Klassik Stiftung Weimar