Unter den deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gibt es keinen seltsameren als Hans Henny Jahnn. Der 1894 in Stellingen bei Hamburg geborene Sohn eines Schiffszimmermanns war außerdem Gründer einer parareligiösen Sekte, Musikverleger, Architekturtheoretiker, Orgelbauer und politischer Publizist. Er war kein "Blut und Boden"-Denker, wie oft behauptet wurde. In einer 1931 gehaltenen Rede sagte er: "Der Feind steht rechts." Aber er kritisierte auch die Kommunisten. Er hielt den Schutz des Lebens für das höchste Gut, aber er kämpfte gegen den Paragrafen 218. Er äußerte sich gegen die Nazis, als es ihm schadete, und er gab Signale der Anpassung, als es nichts mehr nutzte. Jahnn war ein friedfertiger Rebell, ein sanftmütiger Berserker, Pazifist und Atomkraftgegner, ein Grüner, bevor es sie gab.

Mit seinen gewaltigen und gewalttätigen Dramen brachte er schon früh die Zeitgenossen gegen sich auf, erntete aber auch Zustimmung von Kollegen wie Oskar Loerke oder Thomas Mann. Die beiden großen Romane, die Höhepunkte seines Werks, Perrudja (geschrieben 1922 bis 1929) und Fluß ohne Ufer (1934 bis 1947), gleichen Findlingen aus einer anderen Welt und Zeit. Was ihre kompositorische Kühnheit betrifft, ihre sprachliche Originalität, ihre himmelstürzende Ambition, gibt es kaum Vergleichbares.

Heute betrachten wir den "Fortschritt" so skeptisch wie damals Jahnn und üben uns in ökologischer Vernunft, unterliegen aber nicht selten einem naiven Verständnis von Natur. Jahnn, für den die Natur der einzige, der entscheidende Bezugspunkt war, schrieb 1953: "Der Mensch wird nicht als bekannt vorausgesetzt. Man kennt ihn nicht. Er ist nicht gut. Er ist nicht schlecht. Er ist nichts von dem, was er sich selbst nachsagt. Die Gerüchte über ihn sind falsch. Er ist das Gefäß von Instinkten oder der Schauplatz von Ereignissen, die ohne ihn nicht sein würden. Auch Gott, sein Gott, wird nicht als bekannt vorausgesetzt. [] Man nimmt die Schöpfung wahr, die vielgestaltig ist; das Sichtbare und das Unsichtbare, die Zeit. Und mitten im Gestalteten und im Ablauf den Schmerz, die Folgen von Fressen und Gefressenwerden, den furchtbaren Schrei des Schmerzes aller Kreatur."

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Dieses Dilemma, dass die Natur unbegreiflich und grausam ist, zugleich aber der Ort des Schönen und der Harmonie, hat ihn nie losgelassen. Es ist auch unser Dilemma, und Jahnn sah in der Kunst ein Mittel, den Widerspruch zu versöhnen. Die Symphonie, um deren Vollendung der Komponist Gustav Anias Horn, die Hauptfigur in Fluß ohne Ufer, ringt, trägt den Titel Das Unausweichliche. Sie ist der Versuch, die Schöpfungstragik Musik werden zu lassen. Ihre Anfänge hat Horn bei seinen Wanderungen über die Klippen norwegischer Fjorde gefunden, in abgerissenen Birkenrinden, deren feines Engramm natürliche Hieroglyphen enthält, die Horn in Notenschrift übersetzt. In Perrudja plant der durch Zufall zum Milliardär gewordene Held die Weltherrschaft zur Rettung der Menschheit, einschließlich Krieg und höherer Zuchtwahl. Im entscheidenden Moment aber lässt er ab von seinem Projekt, erkennt die Hybris. Ein Gott, der aufgibt. Er zieht sich zurück in die Einsamkeit seiner norwegischen Burg und liebt sein Pferd.

Dem frommen Heiden Jahnn ging es um nichts anderes, als "der Schöpfung eine Ausnahme abzuverlangen", wie er einmal schrieb, nur darum, Gott zu zwingen, endlich menschlich zu sein und der Schöpfung ihren Schrecken zu nehmen. Das ist größenwahnsinnig und doch ganz bescheiden. Es ist unverständlich und doch leicht zu verstehen. Es erklärt, weshalb Jahnn uns nie ganz vertraut werden wird und was wir bis heute von ihm lernen können: sich freizumachen von allen Illusionen und doch die Hoffnung, den Anspruch auf Menschlichkeit niemals aufzugeben.

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Hans Henny Jahnn