Die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt war eine herbe, fast männliche Erscheinung – weit entfernt von dem, was gegenwärtig als öffentlichkeitstaugliches weibliches Schönheitsideal gilt. Ihr Blick auf alten Fotos ist wach, aber misstrauisch. Wie viel Verlass ist auf das Schicksal?, scheint er zu fragen. Und wie viel auf die männlichen Genossen? Seit 1903 arbeitete Marie Juchacz im Umfeld der SPD, 1919 saß sie für die Partei in der verfassungsgebenden Weimarer Nationalversammlung, 1920 im SPD-Parteivorstand.

Vom Schicksal allzu viel zu erwarten, dazu hatte sie als 1879 geborene Tochter verarmter Handwerker aus der Provinz wenig Grund: Politisch war sie im Kaiserreich ein Mensch zweiter Klasse ohne Wahlrecht – und als Volksschülerin fast ohne Ausbildungsmöglichkeiten; Fabrikarbeit und später Versorgung durch Heirat, so sah Juchacz’ Lebensperspektive aus.

Sie selbst änderte diese Perspektive, durch eigenes Tätigsein und radikal. In Berlin entdeckte sie in der (verbotenen) politischen Frauenarbeit ihr rhetorisches Talent. Die SPD schickte sie ins Rheinland, um die wachsende weibliche Industriearbeiterschaft für die sozialdemokratische Bewegung zu mobilisieren. Dabei sammelte Juchacz, vor allem während des Ersten Weltkriegs, Erfahrungen in der Sozialarbeit. Sie half Soldatenwitwen. Sie organisierte Ferienausflüge für Arbeiterkinder. Sie leitete Kochkurse an. Und sie lernte, durch die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Wohlfahrtsverbänden, vor allem eines: "Der Reiche oder Wohlhabende gibt den Armen. Er, der Gebende, steht höher und kommt sich ganz unwillkürlich als der bessere Mensch vor." Solche Almosenmildtätigkeit wollte Juchacz nicht; sie wollte auch nicht die "Minderwertigkeit und Schuld" des Einzelnen als Ursache für seine Hilfsbedürftigkeit annehmen. Deshalb brauchte, aus ihrer Sicht, die Sozialdemokratie eine eigene Fürsorgeorganisation – mit Mitarbeitern, die ihren Dienst nicht voller Dünkel versahen, sondern das Schicksal ihrer Klienten aus eigenem Erleben kannten.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Juchacz hat beim Aufbau der 1920 gegründeten Arbeiterwohlfahrt, die bereits sechs Jahre später mehr als 2000 Ortsvereine und weit über 100.000 freiwillige Helfer zählte, Gewaltiges geleistet. Sie hat Unschätzbares zur Modernisierung und Professionalisierung der sozialen Berufe beigetragen.

Eine solche Heldin brauchte die Sozialdemokratie heute dringend wieder, obwohl eine Marie Juchacz der Gegenwart vielleicht andere Felder beackern würde als die Wohlfahrt. Die politische Linke hätte darüber hinaus jemanden nötig, der wie Juchacz das alte Aufstiegsversprechen mit ihrem höchstpersönlichen, unbändigen Selbstverbesserungswillen exemplarisch wiederbeleben könnte. Marie Juchacz steht aber vor allem für eins: Sie lebte für eine bessere Welt.

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Arbeiterwohlfahrt