Früher war alles besser? Nein, nicht alles – aber er. In einer seiner letzten Sendungen hatte er den deutschen Astronauten Ulf Merbold zu Gast. Wie lange er denn da oben auf der russischen Raumstation Mir zugebracht habe, wollte der Quizmaster bei der Begrüßung wissen. "Mehrere Wochen", antwortete Merbold artig – was Kriegsteilnehmer Hans-Joachim Kulenkampff zu der Bemerkung veranlasste: "Nun, da war ich länger in Russland."

Fernsehdeutschland am Samstagabend im Jahr 2009: Ein Stadl, die Musi spielt, Hansi aus Kitzbühel ist da – wäre Kulenkampff, dem doch noch immer etwas eingefallen war, auch zu diesem Schrecken etwas Amüsantes eingefallen? Bestimmt.

In den besten Momenten dieses Showmasters versammelten sich 25 Millionen Menschen vor den Geräten und hatten das feierliche Gefühl, dass Fernsehen besser nicht ging. Dass das Medium, wiewohl noch recht jung, bereits mit diesem Mann im Zenit seiner Möglichkeiten angekommen war. Kulenkampff, der da Mitte der siebziger Jahre vor die klobig-grauen Kameras trat, jodelte nicht, er hatte auch keinen Text, er hatte nur glaubhaft Lust, am Samstag um 20.15 Uhr ein paar andere Leute zu treffen.

Manchmal zogen sich die Gespräche, etwa wenn der Meister, der 1921 in Bremen geboren wurde, von seinem Segelschiff erzählte. Manchmal dauerte es, bis die Schwallereien des Skippers in eine Pointe mündeten – aber niemand konnte so wunderbar daherreden wie er. Gelegentlich unterbrach ihn seine schöne Assistentin, die Uschi, später war es die Gabi. Kulenkampff, der ewige Stenz, mochte den Anblick seiner schönen Assistentinnen. Und überhaupt der Frauen: "Lächelt mich so eine kleine Italienerin an, habe ich Text für drei Stunden." Wenn er dann ungeniert die Kostüme und die Beine der Mitarbeiterinnen zu Ende betrachtet hatte, war es meist auch schon halb neun.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

80 Prozent Einschaltquote hatten seine Unterhaltungssendungen. Dass er etwas Ordentliches gelernt hatte, er vom Theater kam, streute er gelegentlich ein. Zum Beispiel, wenn er bei EWG, bei Einer wird gewinnen, wie ein Gast seiner eigenen Sendung leicht breitbeinig durch die Kulissen schlenderte und plötzlich Klassiker zu rezitieren begann. Eigentlich war dies seine Welt, in die Niederungen des Fernsehens hatte er sich nur verirrt. Als ihn die ZEIT einmal in der Nähe von Coburg besuchte, dort drehte er gerade Baron Münchhausen, hatte Kulenkampff eigentlich jemanden aus dem großen Feuilleton erwartet und nicht einen jungen Reporter, der ihn eher als Quizmaster aus dem Fernsehen kannte. "Ach so", meinte er damals.

War ein Kandidat bei Lessing oder Rilke nicht mit der richtigen Antwort zur Stelle, dann ging es ab, dann rollte Kulenkampff ungläubig mit den Augen. In diesem Augenblick hätte er zur Strafe jeden an die Wand spielen können. Weil er so freundlich war, tat er es nicht.

Wenn Lässigkeit je Gestalt annahm, dann bei ihm. Anders als die Kollegen Peter Frankenfeld, Hans Rosenthal und Joachim Fuchsberger war Kulenkampff bei seinem Quiz allenfalls mit mittlerem Ernst bei der Sache. Er brauchte keine Million auszuloben, bei ihm gab es über Jahrzehnte 8000 Mark zu gewinnen. Fertig. Im Hintergrund dirigierte ein unermüdlicher Kapellmeister das Orchester, vorn machte der Quizmaster vor, wie man einer leicht errötenden Kandidatin aus Frankreich vollendet an die Seele fasst. Gerade auch für uns Jüngere Bildungsfernsehen pur.

Einer für alle, alle für einen – Mutti, Vati und die Kinder. Klar, dass dies nicht immer so weitergehen konnte. "Ära, wem Ära gebührt", rief der Spiegel ihm 1987 nach, als Kulenkampff die 82. und letzte große EWG- Sendung abmoderiert hatte. Es war nicht zu übersehen, dass es mit Bioleks Mensch Meier und Wetten, dass..? mittlerweile Formate gab, die etwas mehr in die Moderne passten. Doch zu "Hallentrottelspielen" hatte Kulenkampff keine Lust mehr. Bei Gelegenheit knötterte er schon mal vor sich hin, ließ er sich aus über die neue Zeit, auch über einen wie Harald Schmidt. Dass der 30 Autoren habe für 45 Minuten Geplaudere – "Also, ich hab das immer freihändig gemacht".

Alles hat seine Zeit. Für einen Moment stellt man sich vor, wie es wäre, käme er noch einmal durch die große Fernsehtür. Also Eurovisionsfanfare, das große Tamtam. Ein Mann im grauen Anzug, die Haare wie immer etwas licht. Kulenkampff verneigt sich, beginnt seinen Begrüßungsmonolog, auch Gabi ist nicht weit. Wie wäre am Ende der Sendung, die Quote?

"Wer ist schon dieser Kulenkampff? 99 Prozent der Menschheit haben den Namen noch nie gehört", meinte er in einem seinen letzten Interviews. "Und keiner kann behaupten, dass er deshalb etwas verpasst hätte." Was falsch ist, so falsch!

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