Würden Träume ohne Weiteres Realität, würde er zum Retter der siechen deutschen Sozialdemokratie. Einer ihrer Gründer ist er schon. Vor 146 Jahren stand er in Leipzig in einem verrauchten Versammlungssaal vor den Delegierten aus deutschen Landen, um den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aus der Taufe zu heben, den Vorläufer der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Vielleicht würde Ferdinand Lassalle jetzt erneut für die Sozialdemokratie antreten – der Volkstribun und Arbeiterführer, Theoretiker und Praktiker der Macht. Er würde der SPD neues Leben einhauchen, die verzagte und verkümmerte Partei an ihre Wurzeln erinnern, an ihren Geschichtsoptimismus und ihre Erfolge. Im Bundestag wäre er, den der alte Sozialdemokrat Hans-Jochen Vogel einen "gottbegnadeten Agitator" nannte, der geborene Oppositionsführer. Den öligen CSU-Baron zu G. würde der in Dutzenden Gerichtsprozessen geschulte Advokat und aristokratisch wirkende Lebemann mit Verweisen auf Hegel und Heraklit schwindelig reden. Angela Merkel hätte Lassalle rhetorisch sowieso im Sack.

Was könnte er auch heute der Partei noch geben! Heinrich Heine bescheinigte ihm eine "an Irrsinn grenzende Willenszähigkeit", für Eduard Bernstein war er der "Erwecker der deutschen Arbeiterbewegung". Um ihr zu ihrem Recht zu verhelfen, schrieb Lassalle 1863 die Forderung nach einem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht in die Statuten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Zugleich verankerte er in der Sozialdemokratie den Glauben an den solidarischen Sozialstaat – nur der könne garantieren, sagte Lassalle, dass Freiheit nicht allein die Freiheit der Mächtigen ist, sondern zur Freiheit für alle wird. Den bürgerlichen Liberalen seiner Zeit warf er dagegen ihre "Nachtwächterideen" des Staates vor. Dessen vermeintliche Neutralität sei schließlich nichts anderes als Parteinahme für die wirtschaftlich Starken, zürnte er.

Gleiches würde Lassalle heute der FDP entgegenschleudern. Und auch der auf die Reste ihrer ausgedünnten Wählerschaft starrenden SPD würde er die Leviten lesen. Die bejammert, dass es das Industrieproletariat nicht mehr gibt, dass ihre Milieus verkümmern und dass der Sturm der Globalisierung ihre Stammwähler in alle Winde zerstreut. Lassalle würde antworten, es gehe ihm im Gegensatz zu Marx nicht einfach um "die Arbeiterklasse". Schon in seinem Arbeiterprogramm habe er geschrieben, dass "wir alle" Arbeiter seien, "insofern wir nur eben den Willen haben, uns in irgendeiner Weise der menschlichen Gesellschaft nützlich zu machen". Schon damals habe er alle unteren und ärmeren Schichten mit einbezogen, und um die vor allem müsse es heute wieder gehen – neben den anderen, die sich in der neuen Mitte der Gesellschaft um ein solidarisches Miteinander mühen.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Freilich würde Lassalle die "Unteren" und die "Ärmeren" nicht paternalistisch betreuen wollen. "Solange ihr nur ein Stück schlechte Wurst habt und ein Glas Bier, merkt ihr gar nicht, dass euch etwas fehlt! Das kommt von eurer verdammten Bedürfnislosigkeit", hielt er 1863 den Arbeitern in Leipzig wütend vor. Den neuen deutschen Niedriglöhnern und Teilzeitbeschäftigten, den Leiharbeitern und jungen Lamentierern, die Praktikum an Praktikum reihen und sich geduldig ausbeuten lassen, würde er Gleiches sagen. Und hinzufügen, dass "die ewige Schwäche einer revolutionären Idee, die sich zur Praxis kehren will", im Mangel an Bewusstsein und im damit zusammenhängenden Mangel an Organisation liege. Also würde Lassalle Solidarität einfordern, natürlich organisiert, natürlich in der SPD.

Aber ach, das ist alles Träumerei. Deutschlands Sozialdemokratie wird von mittelmäßig Begabten und redlich Bemühten geführt. Visionen haben ihr die Pragmatiker der Macht nachhaltig ausgetrieben. 2013 jährt sich das Gründungsdatum von Ferdinand Lassalles Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein zum 150. Mal. 2013 ist auch das Jahr der nächsten Bundestagswahl. Ohne einen neuen Lassalle wird die SPD sie wohl wieder verlieren.

Weitere Informationen:
Friedrich-Ebert-Stiftung
Marxists' Internet Archive
Lassalle über das Verfassungswesen