Eigentlich war sie eine jüdische Bankierstochter aus Elberfeld. Geboren 1869. Assimiliertes deutsches Bürgertum, Klavier, Gouvernante, Lektüre. Die Mutter, beinahe noch in der Goethezeit geboren, liest nichts als Goethe. Sitzt mit ihrer jüngsten Tochter irgendwann im späten 19. Jahrhundert in Elberfeld am Rosenholztisch und dichtet mit ihr. Wenig später geht die Tochter nach Berlin, verlässt Elberfeld und die Goethezeit mit Siebenmeilenstiefeln, frequentiert die Berliner Cafés, gerät in den Sturm, die große Umwälzwoge der Jahrhundertwende, schreibt Gedichte, Prosa und Theaterstücke, heiratet, lässt sich scheiden, heiratet erneut, hat einen unehelichen Sohn, ist alleinlebend, alleinerziehend, alleinverdienend, nennt sich "der Prinz von Theben". Eine unglaubliche Karriere, eine verstörende Erscheinung.

Die großen Einbrüche, als die Zeit der Geheimräte und der Geheimnisse so schnöde zu Ende ging, als mit einem Windstoß alles Beschauliche und Überschaubare zerbrach, als die Maschinen dampften, als die Geschwindigkeit ihr gefräßiges Maul aufriss, als die großen Kriege sich am Horizont zusammenbrauten und die Welt enger und fremder wurde mit jedem Tag – all das hat sie nicht nur in ihrer hellseherischen Nervosität erspürt und am eigenen Leib erlebt, sondern auch ausgedrückt und mit einem grandiosen Wiederverzauberungsversuch pariert.

Wild geschmückt, in orientalische Gewänder und bunte Tücher gehüllt, deklamiert sie, begleitet von Drehorgeln und Schüttelbüchsen, wie eine letzte, verlorene Wüstenruferin im grauen kaiserlichen Berlin ihre magischen Zaubersprüche, versucht mit allen Mistelzweigen der Kunst, die freudlose Grenze zwischen Leben und Poesie niederzureißen. Ihr zweiter Ehemann, Herwarth Walden, veröffentlicht ihre Verse in seiner legendären Expressionisten-Zeitung Der Sturm. Die deutsch-nationale Presse hält ihr "vollständige Gehirnerweichung" vor. Sie erhebt Anklage, die Gerichte geben den Literaturkritikern recht, sie finden, dass der Vorwurf der Gehirnerweichung nicht über das "berechtigte Ziel der kritischen Betrachtung" hinausschieße.

Sie ist verletzt. Im Alter wird sie böse. Die böse Alte. Das trotzige Kind. Sie schimpft auf eine Welt, die sich ihren Verführungskünsten nicht gebeugt, die den "toten Fisch im Herzen" hat, die "wunderlos und kalt" ist. Und hat sie nicht recht? Noch immer leiden wir unter Entzauberung und Unterkühlung, unter der superokayen Coolness unserer berühmten postideologischen Gegenwart, die alle Zeiger auf Geld, Tempo und Tamtam gestellt hat. Wen gibt es heute, der verkühlte Gehirne und verkaufte Herzen erweicht? Der Wunder, Kindlichkeit, Traum und Geheimnis nicht mit einem Opern-Abonnement, sondern mit dem eigenen Leben bezahlt?

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

In den dreißiger Jahren emigriert die Dichterin der Hebräischen Balladen zunächst nach Zürich, dann nach Jerusalem. Einer ihrer letzten Freunde und Bewunderer, der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Werner Kraft, schreibt 1942 über die einsame und ein wenig verwahrlost durch Jerusalem irrende alte Frau: "Sie kann nicht leben und nicht sterben, sie kann nur toben und hat den Grund vergessen, und er wird ihr nie mehr einfallen." Und doch hat sie in jenen letzten Jahren ihre innigsten Gedichte geschrieben, das schönste heißt Mein blaues Klavied, das "steht im Dunkel der Kellertür, / Seitdem die Welt verrohte", zerbrochen ist seine "Klaviatür", und man weint um "die blaue Tote". Das schreibt sie 1943, ein Jahr nach der Wannseekonferenz.

Ihre allerletzten Verse singen nur noch von der Müdigkeit, am Leben zu sein. Mond und Sterne, die märchenhaften Verbündeten, haben ihre Gegenverzauberungskraft verloren. Unzählige Menschen, klagt sie, seien schon tot im Leben, schuldig an der "Verdunkelung der Welt". Dass wir aus den "Kellern unserer Herzen" wieder heraus ans Licht finden, hat sie uns gewünscht. Doch bevor sie das überprüfen konnte, ist sie im Januar 1945 in Jerusalem gestorben.

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