Nachdem Johannes Kepler das Sternensystem begriffen, Isaac Newton die Schwerkraft erklärt und Charles Darwin die Entstehung der Arten beschrieben hatte, wollte der Mensch zu guter Letzt den Kapitalismus verstehen. Er machte sich daran, herauszufinden, was die Wirtschaftswelt zusammenhält, er suchte nach universellen Gesetzen. Er fand keine.

Wenn ein Apfel vom Baum fällt, fällt er nach unten. Das ist sicher. In der Marktwirtschaft gibt es nichts, was sicher ist. Finanzmärkte brechen zusammen, obwohl zuvor die Kurse stiegen. Menschen verlieren ihre Arbeit, obwohl die Firma Gewinne schreibt. Staaten gehen nicht bankrott, obwohl die Schulden unermesslich sind. Bestand hat nur die Ungewissheit.

Manche Wirtschaftswissenschaftler wollen das auch nach ein paar Dutzend verheerenden Rezessionen und ein paar Hundert Jahren des wiederkehrenden ökonomischen Irrtums nicht einsehen. Sie behaupten weiter, sie könnten den Gang des Geldes vorhersagen. Einer aber, ganz und gar nicht berühmt, vertrat schon vor langer Zeit die Meinung, der Kapitalismus sei nicht berechenbar. Am Ende hat er recht behalten.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Der Mann hieß, als er 1893 in Stuttgart zur Welt kam, Adolph Löwe, 1939 erhielt er den Namen Lowe, weil auf der Schreibmaschine einer englischen Behörde kein ö zu finden war. Da war er, Jude von Geburt, Hochschullehrer mit Leidenschaft und Sozialdemokrat aus Überzeugung, schon mit seiner Familie aus Deutschland geflohen. Die Nazis hatten ihn als einen der Ersten auf die Liste der zu verhaftenden Personen gesetzt. Weil man ihm in England nach Kriegsbeginn seine deutsche Herkunft nachtrug und seinen Vertrag an der Universität Manchester nicht verlängerte, ging Lowe 1940 nach New York, wo er, wie viele andere Exilanten, an der New School for Social Research lehrte, 43Jahre lang.

Er versuchte nichts weniger, als die Geschichte zurückzudrehen. Als Lowe kurz nach dem Ersten Weltkrieg begann, sich mit dem Kapitalismus zu beschäftigen, hatten die Ökonomen gerade angefangen, ihr Fach zu einer Art Naturwissenschaft zu erklären. Mit mathematischen Formeln ermittelten sie monetäre Schwerkräfte, die Marktwirtschaft erschien als gigantisches mechanisches System. Elegant und ziemlich realitätsfern – dachte Lowe. In den populären Theorien fehlte ihm vor allem eines: das unkalkulierbare Verhalten des Menschen, das geprägt wird von Werten, Regeln und Eigenarten einer Gesellschaft.

Lowe war ein großer Anhänger des Kapitalismus – den Planwirtschaften des Ostens sagte er früh das Ende voraus. Jedoch hielt er den Markt für krisenanfällig, ähnlich wie der britische Ökonom John Maynard Keynes. Von dessen Gefolgsleuten unterschied er sich dadurch, dass er auch dem Staat als Lenker in der Not Fehler zutraute.

Sein 1965 veröffentlichtes Hauptwerk On Economic Knowledge (Politische Ökonomik) lässt sich als Absage an jene Wirtschaftswissenschaftler lesen, die, ihren Formeln und ihrer Ideologie folgend, für jedes Land zu jeder Zeit mehr Markt oder mehr Staat empfehlen und sich wenig darum kümmern, ob in einem Land zu dieser Zeit vielleicht das Gegenteil richtig wäre. Lowe wollte die Wirtschaftswissenschaft wieder zu einer Sozialwissenschaft machen. Das hat er nicht geschafft. Die Nobelpreise gewannen andere, und der Glaube an die Rechenkunst blieb Charakteristikum fast aller Ökonomen. Erst die Finanzkrise des Jahres 2008 brachte das Fach ins Wanken.

Adolph Lowe starb 1995, mit 102 Jahren. Sicher ist: Anders als viele zeitgenössische Wissenschaftler hätte ihn die gegenwärtige Krise nicht überrascht. Und anders als die meisten hätte er als Erklärung nicht allein ökonomische Phänomene wie Finanzmarktblasen oder Eigenkapitalregeln angeführt. Er hätte gefragt, woran es lag, dass die amerikanische Gesellschaft ihren Wohlstand so sehr auf Schulden aufbaute, und wie sich das ändern lasse. Eine Antwort darauf hat bis heute niemand gegeben.

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