Als Rosa Luxemburg bereits zwei Jahre im Gefängnis saß, verurteilt wegen politischer Agitation, erhielt sie einen Brief von Sophie Liebknecht, deren Bruder Karl ebenfalls inhaftiert war. Die Freundin schrieb wie so oft aus einer düsteren, ängstlichen Stimmung heraus. Rosa Luxemburg aber antwortete ihr – aus der Zelle: "Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben, und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem." Da hatte sie vor sich: noch ein Jahr Haft und zwei Jahre zu leben.

Ihre Heiterkeit war echt, denn sie liebte das Leben. Und weil das Leben für sie zwangsläufig Politik bedeutete, glühte sie eben auch für die Politik. Sie kämpfte auf der Straße und ließ sich nicht einschüchtern, nicht von den Freikorps, nicht von der Polizei, auch von den Morddrohungen und Gefängnisaufenthalten nicht. Ihre Leidenschaft faszinierte andere, deshalb wurde sie zu einer so großen Rednerin, zur Galionsfigur der Sozialisten und zum Schrecken der Herrschenden, der beseitigt werden musste. Im Januar 1919 wurde sie von Freikorps-Soldaten verhaftet, erschossen und in den Landwehrkanal geworfen. Als man sie beim Verhör mit Schlägen traktierte, ließ sie sich nicht einschüchtern: Trotzig antwortete sie auf die Fragen der Uniformierten.

Ihre Sorge galt den anderen und der sozialistischen Idee, selten sich selbst. Ihre Ansichten: zwischen humanistisch und militant changierend. Nie von glatter Logik, nie widerspruchsfrei, ganz ihrem eigenen Charakter entsprechend. Leidenschaft und Fanatismus trennt bisweilen ein schmaler Grat, und gewiss überschritt ihn Rosa Luxemburg mehr als einmal.

Sie wandte sich gegen Lenins Revolution in Russland, in der sie voraussehend den Beginn einer Schreckensherrschaft befürchtete, sie kämpfte für individuelle Freiheitsrechte und allgemeine Wahlen. Und dann doch: Mit allen Mitteln müsse die Revolution durchgesetzt werden; wer für die Nationalversammlung sei, renne einer "lächerlichen kleinbürgerlichen Illusion" nach.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Als Propaganda-Ikone trugen die Parteiobersten der DDR ihr Bild vor sich her. Auch zum Todestag von Rosa Luxemburg im Januar 1988 hielten die Kader ihren alljährlichen Huldigungstrott ab – als plötzlich ganz hinten im Menschenzug Dissidenten mit Luxemburgs berühmtem Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" gegen den Unrechtsstaat protestierten. Sie ließ sich nicht vereinnahmen, von niemandem.

Aber das Entscheidende: Rosa Luxemburg war kein Apparatschik. Sie war durch und durch Mensch, zerrissen, unschlüssig, manchmal verzweifelt. Sie litt viel, an den unglücklichen Lieben zu ihren Männern, an dem, was sie als Verrat an den Menschen und den Idealen empfand, und an dem, was sie im Leben eigentlich wollte.