In Ruth Andreas-Friedrichs Tagebuch Der Schattenmann taucht er einmal auf, unter dem Datum des 11. Oktober 1942. Ein Kreis von Hitler-Gegnern hat sich eingefunden und debattiert über Möglichkeiten, der Naziherrschaft ein Ende zu bereiten. "In einer Ecke sitzt, still in den Sessel zurückgelehnt, ein ernster Mann. Betrachtet aus großen Augen aufmerksam jeden Anwesenden. Er spricht wenig. Mischt sich kaum in die leidenschaftliche Unterhaltung... ›Wer war der Herr?‹ erkundige ich mich, als der schweigsame Unbekannte sich früher als alle anderen verabschiedet hat. ›Moltke. Graf Helmuth von Moltke. Unser bester Kopf.‹"

Der beste Kopf des deutschen Widerstands gegen Hitler: Das war Helmuth James von Moltke in der Tat. Geboren wurde er am 11. März 1907, auf dem Familiengut im schlesischen Kreisau, das der berühmte Vorfahre, der Chef des preußischen Generalstabs, Helmuth von Moltke, nach dem Sieg Preußens über Österreich 1866 erworben hatte. Zum preußisch-konservativen Erbe väterlicherseits kam über die Mutter ein neues Element in die Familie. Dorothy von Moltke war die Tochter des Obersten Richters der Südafrikanischen Union, Sir James Rose Innes. Aufgewachsen in einem liberalen, weltoffenen Elternhaus, empfand sie die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im wilhelminischen Obrigkeitsstaat als bedrückend. "Jemand muß die Mauer der Traditionen und Vorurteile einreißen und die Luft der Freiheit hereinlassen", schrieb sie 1910. Anders als die meisten der junkerlichen Standesgenossen ihres Mannes weinte sie der Hohenzollernmonarchie 1918 keine Träne nach. Vielmehr begrüßte sie die Demokratie von Weimar als großen Fortschritt. Das war für die politische Bewusstwerdung des jungen Helmuth James von großer Bedeutung. Ohne die liberal-angelsächsische Prägung mütterlicherseits wäre sein späterer konsequenter Weg in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus kaum denkbar gewesen.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Nach dem Abitur auf dem Potsdamer Realgymnasium 1925 studierte Helmuth James Rechts- und Staatswissenschaften in Breslau und Berlin . 1929 legte er das erste juristische Staatsexamen ab. Im Oktober 1931 heiratete er Freya Deichmann, Tochter eines Kölner Privatbankiers. Das junge Paar zog nach Berlin und erlebte hier die Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 – für Moltke "der Beginn einer Katastrophe erster Ordnung". Da eine Anstellung im Staatsdienst für ihn nicht mehr infrage kam, ließ er sich nach dem Referendarexamen 1934 als Rechtsanwalt in Berlin nieder. Wiederholt hielt er sich für längere Zeit in England auf und erwarb im Jahr 1938 auch hier die Zulassung zum Anwalt. Ganz auf die britische Insel zu ziehen, dazu konnte er sich jedoch nicht entschließen.