Wer von Lira aus, einem Städtchen im ärmlichen Norden Ugandas, die staubige Straße in Richtung des Sudans nimmt, gelangt nach wenigen Kilometern an ein aus grauen Brettern zusammengenageltes Häuschen. Es handelt sich um eine Bank – eine Spar- und Darlehenskooperative. Kontostände werden in ein großes Buch eingetragen, das Geld lagert in einer grünen Metallkassette. Die Bank verleiht die Sparguthaben an ihre Mitglieder, vor allem sind das die Bauern der Umgebung. Einer von ihnen ist gekommen, um seinen Kredit zurückzuzahlen – er hatte sich das Geld geliehen, um eine Kuh zu kaufen.

So ungefähr muss es vor 130 Jahren im Westerwald zugegangen sein. Bauernbefreiung und Industrialisierung brachten der Bevölkerung eine bisher nicht gekannte wirtschaftliche Eigenständigkeit. Doch es fehlte das Kapital. Wer Geld brauchte, musste sich an Wucherer wenden. Armut und Hunger machten das Leben schwer. Friedrich Wilhelm Raiffeisen sah die Not – und beschloss zu handeln.

Raiffeisen wurde 1818 in Hamm an der Sieg geboren. Er wählte zunächst die militärische Laufbahn, wegen eines Augenleidens wechselte er aber in den zivilen Verwaltungsdienst und wurde 1852 Bürgermeister von Heddesdorf bei Neuwied.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Raiffeisen konnte mit der damals verbreiteten Sehnsucht nach der alten Ordnung nicht viel anfangen. Er erkannte, dass die neuen Zeiten ungeheure Produktivkräfte freigesetzt hatten, die nur zum Leben erweckt werden mussten. Dazu sei zweierlei nötig, schreibt er in seinem 1866 erschienenen Hauptwerk Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter: "Geld und die Kenntnisse, solches möglichst nutzbar anzuwenden." Seine Aufgabe sah er darin, das Geld herbeizuschaffen. Bauern, Tagelöhner und Handwerker müssten ihre "Kasse haben, in welche sie ihre Ersparnisse einlegen und der sie den nothwendigen Bedarf an Geld jederzeit entnehmen können, und zwar zu einem möglichst günstigen Zinsfuße". Zugang zum Bankwesen hatte die Landbevölkerung, die kaum über Sicherheiten verfügte, aber nicht. Raiffeisens Idee: Die Menschen bilden eine feste Gemeinschaft, die Genossenschaft, um sich gegenseitig zu unterstützen. Nicht Mitleid ist das Organisationsprinzip der Genossenschaft, sondern die Bündelung der Kräfte zum Wohle aller.

1864 gründet Raiffeisen den Heddesdorfer Darlehenskassen-Verein, kurz darauf die Rheinische Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank, eine Zentralbank, die den Liquiditätsausgleich zwischen den kleinen Darlehenskassen ermöglicht. So kann das Geld von denjenigen, die es gerade nicht benötigen, zu denjenigen fließen, die es sinnvoll und produktiv einsetzen können. Volkswirte würden sagen: Die Kapitalallokation wird optimiert. Die Lage der Bauern im Westerwald hat Raiffeisen gezeigt, wie wichtig ein funktionierender Finanzmarkt für Wachstum und Wohlstand ist.

Seine Ideen haben zunächst in Deutschland, später weltweit Anhänger gefunden. Heute sind in mehr als 100 Ländern rund 350 Millionen Menschen in Genossenschaften organisiert – sie kümmern sich nicht mehr nur um Geld und Kredit, sondern wickeln den Warenhandel ab oder betreiben Maschinen.

Raiffeisen hat die Kraft des Kapitals erkannt und einen Weg gefunden, sie in den Dienst der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zu stellen. Darin unterscheidet er sich von so manchem Banker unserer Tage, der nur auf seine Rendite achtet – was die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds gebracht hat.

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